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11:52 16.11.2018
Sinfonischer Chorklang: Andor Izsák dirigiert Ensembles aus ganz Deutschland im Funkhaus.
Sinfonischer Chorklang: Andor Izsák dirigiert Ensembles aus ganz Deutschland im Funkhaus. Quelle: Clemens Heidrich
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Hannover

„Ich wünsche mir, dass sich die Menschen beim Konzert eine Synagoge vorstellen, so groß wie es die von Hannover war.“ Das sagte Andor Izsák beim Pausengespräch des Sonderkonzertes im Sendesaal des NDR, zu dem er und die Siegmund-Seligmann-Gesellschaft eingeladen hatten. Anlass war das Gedenken an die Pogromnacht vor 80 Jahren. Dazu hatte eer liturgische Psalmen von Louis Lewandowsky und das Klavierkonzert in E-Dur op. 59 von Moritz Moszkowski ausgesucht. Kann man aber mit Musik das Gedenken an staatlich sanktionierte Brutalität angemessen gestalten? Geschieht hier nicht eine verharmlosende Ästhetisierung des Grauens? Das Konzert vermied diese Gefahr auf beeindruckende Weise.

Schon die interkulturelle Zusammensetzung des Riesenchores setzte ein Zeichen. Da standen die Synagogalchöre aus Hamburg und Leipzig neben dem Heidelberger Studentenchor Camerata Carolina, dem deutsch-russischen Chor Hamburg, dem Opernchor des TfN Hildesheim, dem Propsteichor St. Clemens aus Hannover und dem Chor der St. Severingemeinde Keitum/Sylt.

Sie alle bildeten zusammen mit den vier Solisten des TfN-Chores (Steffi Fischer, Anne Lütje, Chun Ding, Levente György) ein Vokalensemble symphonischer Größe. Mit ihm schuf Andor Izsák bei den Psalmvertonungen bewegende Momente. Im Kontext der Erinnerung an die Nazi-Verbrechen bekam etwa der 42. Psalm, ursprünglich für die großen Synagogen des 19. Jahrhunderts komponiert, eine beklemmend neue Zuordnung: „Wie ein Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so lechzt meine Seele zu dir, mein Gott“. Diese Worte sangen die Sängerinnen und Sänger mit Inbrunst und gut ausgeglichener chorischer Klangentfaltung. Andor Izsák war ihnen dabei ein inspirierender und freundlich strahlender Dirigent, an der Orgel unterstützte von Alexander Ivanov. Und am Klavier erwies sich Izsák als humorvoller Begleiter des populären liturgischen Gebets „Ad hena“. Bei diesem unterhaltsamen Mix aus Liturgie und italienischer Belcantoarie überraschte der Dirigent Elli Jaffe als stimmgewaltiger Kantor.

Dirigentischen Einsatz leistete Elli Jaffe dann souverän mit dem Klavierkonzert von Moszkowski (1854-1925). Am Gedenktag des November-Pogroms mag die Aufführung eines solch klangseligen und virtuosen Werkes befremden. Aber die Solistin Erika Lux stellt klar: „Lebensbejahung und Ermutigung für die Zukunft gehört auch zum Gedenken. Und das Konzert dieses Musikers, dessen Werk im Holocaust untergegangen war, ist mit seiner Fröhlichkeit und seinen schönen Melodien bestens dazu geeignet“. Und das bewies sie dann auch mit ihrer kraftvollen und brillanten Gestaltung. Einfühlsam spann sie den Melodiefaden, um sich dann mit spielerischem Witz und Temperament dem tänzerische Scherzo und dem glanzvollen Schlusssatz zu widmen. Die NDR Radiophilharmonie begleitete sicher und verlässlich.

Am Ende viel Beifall für einen bedenkenswerten Abend, den die Pianistin mit dem andachtsvoll gespielten Nocturne op. 15,2 von Fr. Chopin still ausklingen ließ.

Von Claus-Ulrich Heinke