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Kultur Gerichtsreporter präsentieren Protokoll zum Prozess um Terror des NSU
Nachrichten Kultur Gerichtsreporter präsentieren Protokoll zum Prozess um Terror des NSU
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00:16 02.11.2018
Feuriges Finale: Das qualmende Wohnmobil, in dem am 4. November 2011 Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zu Tode gekommen sind – womit von dem „NSU-Terrortrio“ nur Beate Zschäpe überlebt hat. Quelle: Carolin Lemuth/dpa
Hannover

„Warum ausgerechnet mein Vater, wie krank ist es, acht Schüsse auf einen Menschen abzufeuern, nur weil er aus der Türkei stammt?“ Solche Worte des Schmerzes, ausgerufen im Saal 101 des Oberlandesgerichts München von Abdulkerim Simsek, dem Sohn des ermordeten Blumenhändlers Enver Simsek, sind jetzt gedruckt nachzulesen. Sie stehen in einem Protokoll, das Gerichtsreporter als Zeugen des Prozesses um die beispiellose Mordserie des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) aufgezeichnet haben. Dass das, den Dimensionen dieses Prozesses entsprechend, eine Mammutaufgabe war, hat jetzt das Publikum des Literarischen Salons erlebt, der den NSU-Terror erneut zum Thema gemacht hat.

„Echte Nervenprobe“

„Der Prozessverlauf war eine echte Nervenprobe“, sagt dort Wiebke Ramm, die früher Redakteurin der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung war und nun zusammen mit Annette Ramelsberger, Tanjev Schultz und Rainer Stadtler den Prozess verfolgt hat, in dessen Zentrum Beate Zschäpe als einzige Überlebende des „NSU-Terrortrios“ stand. Gemeinsam haben die vier Journalisten mehr als 430 Prozesstage dokumentiert und dabei – ebenso wie fünf Richter, drei Ergänzungsrichter, diverse Verteidiger und zahlreiche Nebenkläger – rund 600 Zeugen gehört. Teils sei dabei „ein Schaulaufen von arrogant und selbstgerecht auftretenden Rechtsradikalen“ zu beobachten gewesen, die als Zeugen nicht einmal zu wissen vorgaben, wie gute Freunde heißen. „Namen zu nennen“, sagt Ramm, „war nicht so cool.“ Ein in Teilen also durchaus fragwürdiger Prozess mit „Event- und Performancecharakter“, wie in der Plenardebatte am Ende ein Gast konstatiert.

Performative Qualitäten

Performative Qualitäten hat auch dieser Literarische Salon. Denn die hannoverschen Schauspieler Lisa Natalie Arnold und Günther Harder lesen dialogisch aus dem Protokoll und holen so das Gerichtsgeschehen ins so dicht wie selten gefüllte Conti-Foyer. Da ist dann zu erleben, wie Frank Liebau das Publikum seines Jenaer Ladens, in dem rechtsextreme Statussymbole der Marke „Thor Steinar“ verkauft wurden und auch das Trio verkehrte, „ganz normale Leute“ nennt. Und dass er nichts davon gewusst haben will, wie über diesen Laden die Pistole beschafft wurde, die zwischen 2000 und 2007 bei neun der zehn NSU-Taten die Mordwaffe war. Da ist zu hören, wie ausgerechnet der V-Mann und Neonazi Tino Brandt bezweifelt, dass es je NSU-Terror gab und wie er das Verfahren einen „Schauprozess“ nennt. Und da wird zitiert, wie Beate Zschäpes angebliche „Distanzierung“ vom Rechtsterror sich im O-Ton anhört: „Ich respektiere die Meinung der Mitangeklagten, habe aber die Entscheidung getroffen, dass rechtes Gedankengut für mich keine Rolle mehr spielt.“

Strukturiert wird der Abend zudem durch die Fragen von Moderator Jens Meyer-Kovac. Wie konnte es dazu kommen, dass diese Morde jahrelang als „Dönermorde“, als Taten in kriminellem Migrantenmilieu eingestuft worden sind, welche Rolle haben Polizei und Verfassungsschutz gespielt, wer hatte kein Interesse an der Wahrheit? „Das gilt sicher für die Täter und die Neonaziszene“, sagt Wiebke Ramm, „für manche Politiker und auch für Beamte und Behörden, weil sie Fehler gemacht haben – oder Schlimmeres.“

Tausende für Neonazis

Schlimmeres, das wäre eine bewusste staatliche Förderung der Neonazis. Immerhin sollen zwischen 1994 und 2001 bis zu 140.000 Mark vom Verfassungsschutz an die rechte Szene geflossen sein. Immerhin war im „Thüringer Heimatschutz“, aus dem auch das Trio hervorgegangen ist, jeder vierte Aktive ein V-Mann. Immerhin soll Tino Brandts V-Mann-Führer diesem vor Hausdurchsuchungen beim Beseitigen von Spuren geholfen haben. Doch welchen Anteil damit die Dienste am rechten Terror haben, ist nach Ramms Worten „kaum zu beziffern“. „Es gab vor Gericht in dieser Hinsicht eine Art Allianz zwischen Nebenklägern und Verteidigern“, sagt Tanjev Schultz. „Die einen wollten damit das Versagen des Staates, die anderen die Unschuld ihrer Mandanten demonstrieren.“

Literatur zum Thema

Annette Ramelsberger, Wiebke Ramm, Tanjev Schultz und Rainer Stadler: „Der NSU-Prozess. Das Protokoll“. Verlag Antje Kunstmannn, fünf Bände im Schuber, 2000 Seiten, 80 Euro.

Tanjev Schultz: „NSU. Der Terror von rechts und das Versagen des Staates“. Verlag Droemer Knaur, 576 Seiten, 26,99 Euro.

Mehmet Daimagüler: „Empörung reicht nicht! Unser Staat hat versagt. Jetzt sind wir dran“. Verlag Bastei Lübbe, 350 Seiten, 18 Euro.

Stefan Aust, Dirk Laabs: „Heimatschutz. Der Staat und die Mordserie des NSU“. Pantheon-Verlag, 864 Seiten, 26,99 Euro.

Beate Zschäpe ist zu lebenslanger Haft, Mittäter sind zu Haftstrafen verurteilt, die durch die Untersuchungshaft teils weitgehend verbüßt sind. Ist das angemessen, fragt Meyer-Kovac? „Auch wenn viele Fragen ungeklärt sind“, sagt Ramm, „insgesamt bin ich zufrieden.“ Natürlich bleibe ein Unbehagen zurück, sagt Schultz, wegen des Strafmaßes für Nebentäter seien viele Opferangehörige sehr frustriert. „Das Urteil ist in der Neonaziszene bejubelt worden – aber immerhin geht davon auch das Signal aus, dass es in Deutschland keine Rachejustiz gibt.“

Konzentriertes Publikum

Nicht ganz so zufrieden ist das über zwei Stunden hinweg sehr konzentriert folgende und sehr gut informierte Publikum. Was eigentlich mit den geschredderten Akten sei, will einer wissen. Wer Beate Zschäpes Wahlverteidiger bezahlt habe. Und wieso es, trotz Untersuchungsausschüssen auf Bundesebene und in acht Ländern, in Hessen zu einer Aktensperre von 120 Jahren kommen konnte. Da geht es dann eher um Einschätzungen als um Antworten, die aus einem Gerichtsprotokoll ableitbar wären. „All das sind Vorgänge, die zu einer weiteren Spirale des Misstrauens führen“, sagt Schultz. „Und obwohl es weiterhin Ermittlungen gibt, wuchert dieses Misstrauen bis hin zu Verschwörungstheorien auch in Ämtern und Behörden.“

Kein Wunder, dass der NSU-Komplex auch auf performativer Ebene weiter Stoff liefert. „Allein der Ablauf hatte ja Soap-Opera-Qualitäten“, sagt Schultz. Tatsächlich gibt es vom linken Antifa-Projekt „NSU Watch“ einen Podcast zum Thema, und der Bayerische Rundfunk bereitet ein Hörspiel unter dem Titel „Saal 101“ vor.

Annette Ramelsberger, Wiebke Ramm, Tanjev Schultz und Rainer Stadler: „Der NSU-Prozess. Das Protokoll“. Verlag Antje Kunstmannn, fünf Bände im Schuber, 2000 Seiten, 80 Euro. „En Vogue“ ist der Titel des nächsten Literarischen Salons übers Modemachen mit der Kulturwissenschaftlerin Barbara Vinken und Fachhochschulprofessorin Martina Glomb am 5. November um 20 Uhr im Conti-Foyer.

Von Daniel Alexander Schacht

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