Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Gudrun Schröfel gibt Chorleitung ab
Nachrichten Kultur Gudrun Schröfel gibt Chorleitung ab
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:57 27.12.2018
Ein Leben, in dem Musik eine Rolle spielt: Gudrun Schröfel.
Ein Leben, in dem Musik eine Rolle spielt: Gudrun Schröfel. Quelle: Katrin Kutter
Anzeige
Hannover

Auf eine große Zukunft hätte bei diesem Ensemble wohl kaum jemand gewettet. Als der Mädchenchor Hannover 1952 gegründet wurde, war das eher eine Abwehrmaßnahme als ein Herzenswunsch: Heinz Hennig, der Gründer des Knabenchores, wollte damals verhindern, dass ein geplanter neuer Jugendchor seinem jungen Ensemble, mit dem er so große Pläne hatte, aktuelle oder künftige Talente abwerben könnte. Und um dem Vorwurf zu entkräften, sein Chor sei ja nur der Hälfte aller Kinder und Jugendlichen zugänglich, initiierte er eilig einen Chor für die andere Hälfte – den Mädchenchor, dessen Leitung er nach wenigen Wochen seinem Studienfreund Ludwig Rutt übergab.

Rutt legte den Grundstein dafür, dass die Mädchen schon bald nicht mehr hinter den Knaben zurückstehen mussten und der Chor zu einem der am hellsten strahlenden Aushängeschilder der Musikstadt Hannover wurde. Zum einen durch seine eigene engagierte Arbeit – vor allem aber wohl durch die Entscheidung, eine junge Gesangspädagogin frühzeitig in die Leitung des Chores einzubinden: Bevor Gudrun Schröfel 1997 die volle Verantwortung für den Mädchenchor übernahm, prägte sie das Ensemble schon fast zwei Jahrzehnte lang gemeinsam mit Rutt.

Die Erfolgsgeschichte des Chores, der seinen auch international hervorragenden Ruf über die Jahre festigen und ausbauen konnte, ist auch die Geschichte seiner Leiterin. Im Januar wird Schröfel nun die Leitung des Chores abgeben, in den sie 1958 als Sängerin eingetreten ist. Der Mädchenchor ist ihr Lebenswerk.

„Es ist nicht ganz einfach aufzuhören, wenn man sich noch fit fühlt“, sagt sie. Aber es sei richtig: „Die Wehmut wird wettgemacht von der Freude, dass ich einen so kompetenten Nachfolger habe.“ Die vergangenen beiden Jahre hat Schröfel gemeinsam mit ihrem Nachfolger Andreas Felber an der Spitze des Chores gearbeitet. So hat sie den jungen Kollegen aus der Schweiz Zeit gegeben, um sich in die organisatorische Struktur und die musikalischen Eigenheiten des Chores einzuarbeiten.

Ein besonderer Klang

Dazu gehört unter anderem der besondere Klang des Chores, den Schröfel entwickelt hat. Die Inspiration dazu bekam sie während ihrer Ausbildung bei dem schwedischen Chorleiter Eric Ericson. Von ihm übernahm sie das Prinzip, die eigentliche Chorleitung nicht von der Stimmbildung zu trennen: Musikalische Arbeit ist für Schröfel von der Entwicklung der Technik nicht zu trennen.

„Ich habe immer das Bestreben, das individuelle Potenzial einer Sängerin auszubilden“, sagt sie. Darum bekommen auch alle Mitglieder ihres Chores Einzel- oder Zweierunterricht. Dabei nimmt Schröfel in Kauf, dass die einzelnen Stimmen nicht in ein fest gefügtes Klangideal eines Chores passen. „Wenn ich einen uniformen Chorklang suche, mache ich persönliche Möglichkeiten vielleicht kaputt“, sagt sie. Also fügt sie den Klang aus den einzelnen Stimmen so zusammen, dass sich ein runder, stilistisch offener Klang ergibt. Diese Philosophie ist eines der wichtigsten Erfolgsrezepte des Chores.

Struktur aus dem Nichts

Um sie praktisch umzusetzen, braucht die Chorleiterin viele Helfer: Der Mädchenchor kann dabei inzwischen auf ein ganzes Team von Pädagogen bauen. Schröfel hat nach und nach die Möglichkeiten dazu geschaffen. Ein wichtiger Teil ihrer Arbeit bestand auch darin, für die richtigen Arbeits- und Probenumstände zu kämpfen. Ohne ihren ausdauernden Einsatz würde der Chor wohl kaum eine so gute Heimat wie die extra dafür umgebaute Christuskirche haben. Und auch bei der Regelung ihrer Nachfolge hat Schröfel Erstaunliches in Gang gesetzt: Mithilfe einer von Gerhard Schröder und Carsten Maschmeyer finanzierten Stiftungsprofessur an der Musikhochschule hat sie eine Stelle geschaffen, die es vorher gar nicht gegeben hat.

Ganz ähnlich verhält es sich mit der Besetzung ihres Chores: Mädchenchöre haben in der Musikgeschichte kaum eine Rolle gespielt – entsprechend dünn war das Repertoire. Schröfel hat sich früh dafür eingesetzt, es zu erweitern. Als Chorleiterin hat sie mehr als 40 Werke in Auftrag gegeben und renommierte Komponisten wie Toshio Hosokawa, Peter Eötvös, Steffen Schleiermacher, Arvo Pärt und Alfred Koerppen dazu gebracht, speziell für die Mädchen zu schreiben. Dass es in Deutschland heute viele Mädchenchöre gibt, hat entscheidend mit dieser Vorarbeit aus Hannover zu tun.

Immer wieder hat der Chor sich bei wichtigen Wettbewerben erfolgreich präsentiert und seine Stärken bei Konzertreisen im In- und Ausland gezeigt. Und in Hannover ist der Mädchenchor über seine eigenen Auftritte hinaus durch die Mitwirkung bei Aufführungen der Staatsoper, der NDR Radiophilharmonie und vielen weiteren Gelegenheiten ein inzwischen wohl unverzichtbarer Bestandteil des Musiklebens.

Dass Schröfel selbst die Leitung solcher Aufführungen an andere Dirigenten wie etwa Andrew Manze, Andris Nelsons, Keri-Lynn Wilson oder Ingo Metzmacher abtritt, ist für sie kein Problem. „Ich empfinde Zuarbeit nicht als etwas Nachgeordnetes“, sagt sie: „Wenn man das Niveau halten will, brauchen die Mädchen immer neue Herausforderungen.“

Für sie selbst liegen die größten Herausforderungen wohl im pädagogischen Bereich: Das Singen in ihrem Chor bedeute schließlich nicht nur Spaß, sondern auch sehr intensive Arbeit, sagt sie und verrät, was sie antreibt: „Das ist das Tollste: Dass die Mädchen sich dabei mitnehmen lassen und in die Musik hineinwachsen.“ Denn wenn das gelingt, hat Schröfel ihr Ziel erreicht: „Ich möchte den Mädchen etwas mitgeben“, sagt sie: „Ein Leben, in dem Musik eine Rolle spielt.“

Die nächsten Konzerte

Mit Werken von Wolfgang Amadeus Mozart, Gabriel Fauré und Luciano Berio präsentiert Gudrun Schröfel ihr letztes großes Programm als Leiterin am 5. Januar im kleinen Saal der Hamburger Elbphilharmonie. Das Konzert ist ausverkauft.

Ihren letzten Auftritt in alter Funktion hat Schröfel beim Neujahrskonzert in der hannoverschen Staatsoper, bei dem sich am 20. Januar, 11.30 Uhr, alle Chorstufen der Chor- und Singschule des Mädchenchores präsentieren.

Andreas Felber dirigiert sein erstes Konzert als alleiniger Leiter am 15. Juni in der Christuskirche. Im August sind Auftritte in Hitzacker und Frankfurt geplant, im Dezember stehen Konzerte mit den Nürnberger Symphonikern auf dem Programm.

Von Stefan Arndt