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Kultur Wie Bulgarien seine Juden rettete
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Hannover: Ausstellung in der Villa Seligmann zeigt die Rettung der Juden Bulgariens

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14:32 16.10.2019
Einsatz für Zivilcourage: Miriam Beschoten und Eliah Sakushev-von Bismarck von der Villa Seligmann in der Ausstellung. Quelle: Katrin Kutter
Hannover

Es waren dramatische Szenen, die sich in Sofia im März 1943 abspielten. Die Nazis wollten die Juden des Landes möglichst unauffällig deportieren, in der Stadt Plovdiv waren bereits rund 600 Menschen in einer Schule zusammengepfercht worden. Doch die Sache sickerte durch, bulgarische Bürger protestierten, und der orthodoxe Bischof Kyrill zog mit Gefolgsleuten zu der Schule. In einer flammenden Rede versicherte er den Juden, dass er selbst entweder mit ihnen gehen oder sich auf die Gleise legen würde. Die Deportation wurde verhindert, die Festgesetzten kamen wieder frei.

„Es gab damals viele unbekannte Helden“, sagt Eliah Sakakushev-von Bismarck, der künstlerische Direktor der Villa Seligmann, der selbst aus Plovdiv stammt. In dem Haus für jüdische Musik widmet sich jetzt die Ausstellung „Die Kraft der Zivilgesellschaft während des Holocaust“ dem Schicksal der bulgarischen Juden in der NS-Zeit. Die Wanderausstellung, initiiert vom bulgarischen Außenministerium, erinnert mit Fotos, Filmen und Dokumenten an ein zu Unrecht vergessenes Kapitel der Geschichte.

50.000 Menschen gerettet

Juden waren in Bulgarien sehr gut integriert. Auch Pancho Vladigerov, der wohl wichtigste Komponist des Landes, der in diesem Jahr seinen 120. Geburtstag gefeiert hätte, war jüdischer Herkunft. „Juden waren nie die Anderen, sondern immer die Nächsten“, sagt Sakakushev-von Bismarck.

In der NS-Zeit war Bulgarien mit Nazi-Deutschland verbündet. Auch dort gab es Rassengesetze. Teile der von Deutschland besetzten Länder Griechenland und Jugoslawien wurden als „neue Länder“ unter bulgarische Verwaltung gestellt, mehr als 11.000 Juden aus diesen Gebieten wurden deportiert.

Im Kernland aber war die Unterstützung für sie groß: Als Juden einen gelben Knopf mit Davidstern tragen mussten, zeigten sich viele nicht-jüdische Bulgaren solidarisch. Und als dann 1943 ihre drohende Deportation publik wurde, protestierte das Parlament binnen Stunden öffentlich. Auch die Kirche schaltete sich ein, König Boris lavierte in Gesprächen mit den Nazis lange hin und her – und verzögerte die Vernichtung der Juden so immer weiter.

Ein entnervter NS-Diplomat beklagte in einem Schreiben ans Auswärtige Amt 1943 die „Mentalität des bulgarischen Volkes“, dem einfach „die ideologische Aufklärung fehlt“. Am Ende wurden rund 50.000 Menschen vor der Ermordung bewahrt. Und nach dem Krieg errichteten die geretteten Juden für Bulgarien Denkmäler des Dankes.

Die Ausstellung in der Villa Seligmann, Hohenzollernstraße 39, ist bis zum 15. Dezember zu sehen. Aus Sicherheitsgründen ist das Haus nicht dauerhaft geöffnet. Infos zu n Besuchszeiten unter Telefon (0511) 844887200.

Von Simon Benne

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