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Kultur Im Drachenland: Igor Levits Konzert im Funkhaus
Nachrichten Kultur Im Drachenland: Igor Levits Konzert im Funkhaus
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01:15 05.12.2018
Apotheose mit den Mitteln der Virtuosität: Igor Levit spielt Franz Liszt. Quelle: Franziska Gilli
Hannover

Ein heiliger Gral, der eine Ritterschaft mit überirdischen Kräften versieht, bereitet dem Fürsten der Ritter unmenschliches Leid, das selbst der Tod nicht enden kann. Wie, ob und von wem dieser Fürst erlöst werden kann und was das für die restliche Menschheit bedeutet, ist üblicherweise nicht Thema eines Klavierabends.

Franz Liszt allerdings hat aus Richard Wagners fünfstündiger Oper „Parsifal“ eine gut zehnminütige Klavierfantasie destilliert, in der die weihrauchumwehte Kompliziertheit der Vorlage immerhin zu ahnen ist. Und der Pianist Igor Levit hat sich bei seinem Pro-Musica-Auftritt im Funkhaus nun mit Liszt fast grimmig entschlossen auf die Suche nach dem Metaphysischen gemacht.

Levit interessiert sich gerade für das Nichterklingende, für die Räume, die etwa im „Feierlichen Marsch zum heiligen Gral“ zwischen den einzelnen Motiven aus der Oper entstehen. Er dehnt zunächst die Pausen oder schafft erstaunliche Farbwechsel zwischen den Abschnitten. Mit einer Handvoll Akkorde kurz vor Schluss, die eigentlich Glockengeläut illustrieren sollen, verlässt er schließlich ganz den vorgezeichneten Weg: Er entzieht den Glockentönen mit jedem Anschlag mehr Wohlklang und Fülle, bis sie erstarrt und kalt klingen wie vereistes Gestein. Statt an einem Ort der Hoffnung zu landen, der schon verhießen war, findet der Hörer sich plötzlich in unerforschtem Drachenland wieder.

Im Funkhaus kommt man bei diesem Konzert kaum umhin, in für die Musik ungewohnten Kategorien wie Erlösung und Verzweiflung, Leben und Tod zu denken. Levit, dessen Spiel sonst von großer Klarheit und Farbigkeit geprägt ist, zeigt sich in seinem neuen Programm von einer erstaunlich abgründigen Seite. Entstanden ist es nach dem Tod von Levits engem Freund Hannes Malte Mahler vor zwei Jahren, doch es ist inzwischen viel mehr als ein Klagegesang. Levit taucht tief ein in die Klang- und Ideenwelt des 19. Jahrhunderts: Er unternimmt eine Expedition ins dunkle Herz der Romantik.

Die beginnt noch in gewohnten Bahnen mit Bachs berühmter d-Moll-Geigen-Ciaconna in einer Bearbeitung nur für die linke Hand von Johannes Brahms: ein barockes Meisterwerk im Sepia-Ton. Viel weiter verdunkelt wird Bach in einer „Fantasia“ von Ferruccio Busoni, die raunend Themen des Barockmeisters zu einem lavagleichen Klangstrom verbindet – unter der gerade erkalteten Oberfläche bleibt das unterschwellige Glühen deutlich zu spüren.

Geheimnisvoll leuchtet die Musik auch in Robert Schumanns „Geistervariationen“. Kurz vor seinem Selbstmordversuch wollte der Komponist das Thema mal von Engeln, mal vom Geist Franz Schuberts empfangen haben. Tatsächlich wirkt die Melodie trotz der kraftvollen Tonart Es-Dur trauriger als jedes Moll – eine Spezialität von Schubert. Die Variationen verändern das Thema an der Oberfläche kaum, die Musik scheint sich vielmehr von innen immer weiter aufzulösen: eine tönende Selbstauslöschung.

Levits unerschrockene Expedition mündet nach vielen leisen Zwischentönen schließlich in einem ganz und gar maßlosen Werk, das nur selten auf Konzertpodien zu erleben ist: Franz Liszt hat seine „Fantasie und Fuge“ über einen Choral aus einer Oper von Giacomo Meyerbeer für Orgel geschrieben. Busoni hat das Stück für Klavier bearbeitet und den Pianisten dabei fast Unmögliches abverlangt. Levit ist an der Demonstration seiner staunenswerten Technik aber höchstens nebenbei gelegen. Das Stück ist eine Apotheose mit den Mitteln der Virtuosität, ein sinnenverwirrender Klangrausch, der daran erinnert, dass Klarheit in manchen Bereichen Illusion ist.

Entsprechend bescheiden und zurückhaltend fällt danach die Zugabe aus: Die beiden letzten Stücke aus Schumanns „Kinderszenen“, die Levit hörbar seit Langem sehr am Herzen liegen.

Von Stefan Arndt

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