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Kultur Tonbandgerät im Capitol
Nachrichten Kultur Tonbandgerät im Capitol
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00:15 27.11.2018
Tonbandgerät im Capitol. Quelle: Samantha Franson
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Hannover

Alles ist gut in der Liedwelt von Tonbandgerät. Gleich der erste Song, „Beckenrand“, kommt durch Zeilen wie „Irgendwann springen wir zusammen vom Beckenrand / und dann weiter in die Zukunft“ mit unverhohlenem Optimismus daher. Der sich aber – es wird nie vom Beckenrand gesprungen, sondern nur davon geträumt – nicht tatsächlich einlösen darf.

Ähnlich ist es mit „Lange her“, vor dem der Sänger Ole Specht verkündet: „Es ist wichtig, dass man versucht, diese Phase zu überwinden, die echt nicht cool ist.“ Gemeint mit „Phase“ ist Fremdenhass, für den es, fügt er gleich danach hinzu, keinen Platz auf dem Konzert gäbe. Er steht, während er das sagt unter der Bühnendekoration, die aus einer Art Fototapete mit Sonnenuntergangsszene und einem Papierschiff-Nachbau aus Lichtschläuchen besteht, ein Nachbau des Covers des aktuellen Albums „Zwischen all dem Lärm.“

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„Lange her“ wiederum thematisiert diesen Fremdenhass – allerdings aus einer zukünftigen Perspektive, in der alles schon wieder überwunden ist. „Sei froh, die kennst das nicht mehr“, wird darin ein imaginiertes Kind angesungen. Auch hier: Alles gut.

Ole Specht transportiert diesen Optimismus, diese Idee, dass alles gut ist und wenn nicht, auf jeden Fall alles gut werden wird, vielleicht auch immer schon war, auch in seine Ansagen. „Bei uns herrscht unglaublich strenge Mitsingpflicht, das macht es gleich doppelt so schön“, meint er einmal zu den mehr als 1000 Menschen im Publikum, und sowieso: „Schön, dass ihr den Laden so bumsvoll gemacht habt.“

Bilder vom Konzert im Capitol

Während der Songs läuft er wild gestikulierend herum, versprüht Fröhlichkeit. Der Rest der Band ist dabei nicht so aktiv: Die Schwestern Sophia und Isa Poppensieker wippen eher herum, Marcel Rainer an der Gitarre steht als neuestes Mitglied der Band etwas weiter hinten. Zusammen mit dem Schlagzeuger Marcel Rainer produziert die Band rund um die poppositivistischen Texte Indiepoprock à la mode. Oft ist dessen Grundlage ein leicht gehetzter Bass, dazu Melodiegegniedel von der Gitarre, ein 4/4-Disocbeat grätscht durch das Arrangement, weil es ja auch tanzbar sein soll. Darüber legt sich Spechts Stimme, die zwischen indiepopkonformer Nöligkeit und leichter Gequetschheit wechselt.

Tonbandgerät schafft es dabei nicht, sich vom Gros deutschsprachigen Indiepoprocks wie Bosse, Madsen oder auch Glasperlenspiel abzusetzen. Der Text arbeitet oft mit abgegriffenen Bildern – Springen vom Beckenrand, Boote auf dem Meer, Schwimmbadgeruch, vor dem Spiegel stehen – und bietet musikalisch auch keine großen Überraschungen. Zwar ist alles solide dargeboten – inklusive zweier langer Mitsingstellen und obligatorischem Akustik-Part während des Konzertes. Dennoch offenbart sich in der Liedwelt von Tonbandgerät eine große Langweile hinter der quietschfidelen, glänzend eskapistischen Oberfläche.

Von Jan Fischer