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Kultur Hannover fehlt es an Übungsräumen für Musiker
Nachrichten Kultur Hannover fehlt es an Übungsräumen für Musiker
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23:04 26.10.2018
Student und Schlagzeuglehrer Christian Herrmann in seinem kleinen, fensterlosen Proberaum an der Celler Straße.
Student und Schlagzeuglehrer Christian Herrmann in seinem kleinen, fensterlosen Proberaum an der Celler Straße. Quelle: Moritz Frankenberg
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Hannover

Es ist der Ort, an dem Musik entsteht: der Übungsraum. Komponieren, aufnehmen und proben ist für Profis wie Hobbymusiker gleichermaßen wegen der Lautstärke meist nur in gemieteten Proberäumen möglich. Der Bundesgerichtshof (BGH) hat zwar am Freitag entschieden, dass Hausmusik in gewissen Grenzen hingenommen werden muss. Doch ein Proberaum erspart Musikern viel Stress mit den Nachbarn.

Einen solchen Raum zu finden ist allerdings schwierig, die Auslastung der Vermieter hoch. In Kleinanzeigen in Zeitungen und im Internet suchen Bands und Musiker nach Räumen. „Wir bekommen 30 bis 40 Anfragen pro Monat“, sagt Marc Schulze, der rund 100 Räume in der alten Gummiwarenfabrik in Wülfel und in zwei Gebäuden in –Ricklingen vermietet. Ähnlich sieht es bei der Deutschen Rockmusikstiftung aus, die mit zwei anderen Organisationen etwa 120 Proberäume besitzt. „Auf unserer Warteliste stehen gerade etwa 40 Bands und Musiker – Anfragen werden derzeit abschlägig beantwortet“, sagt Holger Maack von der Stiftung. „Die alten Musiker hören nicht auf und die jungen kommen nach. Dabei ist Hannover doch gar nicht so groß“, sagt Vermieter Schulze zur großen Nachfrage.

So geht es auch den Vermietern, die kleinere Übungskomplexe im Stadtgebiet verwalten: Die Räume sind so ausgelastet, dass Werbung nicht nötig ist. Andere Probemöglichkeiten verteilt im Stadtgebiet werden über Mundpropaganda und Kontakte vergeben. So kann es Monate dauern, bis die Suche erfolgreich ist. Eine vollständige Übersicht, wo es in Hannover Übungsräume gibt, existiert nicht. Das ist vor allem für Musikstudenten und Hobbymusiker, die neu in die Stadt kommen, ein Problem: Ansprechpartner für die Räume sind über das Internet kaum zu ermitteln.

Neue Räume für 1,5 Millionen Euro?

Die Deutsche Rockmusikstiftung aus Hannover, die den Bau von Räumen fördert, hat sich mit einem Konzept für eine bessere Versorgung an die Stadt gewandt. Hintergrund sind vor allem die Aktivitäten der Stadt als City of Music. Mindestens 30 neue Räume müssten entstehen, um die Nachfrage vorerst zu decken. Die Stiftung kalkuliert, dass sich die Kosten dafür auf rund 1,5 Millionen Euro belaufen könnten. Im House of Music, das sich noch in der Planungsphase befindet, sollen zusätzlich rund 30 bis 40 neue Räume entstehen – allerdings nur für professionelle Musiker.

Neben Bands sind auch Studenten von der Musikhochschule und Instrumentenlehrer auf der Suche nach geeigneten Übungsmöglichkeiten. So wie Christian Herrmann. Der 27-Jährige gibt unter anderem Beatbox- und Schlagzeugunterricht und benötigt eine gute Anbindung für sich und seine Schüler. Zwei Jahre habe es gedauert, bis er einen zentralen Raum an der Celler Straße in der List fand. Obwohl der Proberaum sein Arbeitsplatz ist, muss er auf Tageslicht verzichten. Solche Voraussetzungen sind eher die Regel: Räume in Bunkern oder Kellern, ohne Fenster und frische Luft. „Ich bin manchmal zehn Stunden pro Tag im Raum. Lüften geht nur über den Flur“, sagt er. Wer sein Geld professionell als Musiker verdient, sollte besser keine großen Ansprüche an einen perfekten Arbeitsplatz haben. Laut Rockmusikstiftung zahlen Musiker zwischen 100 und 400 Euro Miete pro Monat, bei Herrmann sind es knapp 250 Euro. Ausgaben für Strom und Heizung kommen noch hinzu.

„Es darf keinen Mangel geben“

„Das letzte Mal gab es einen solchen Proberaummangel in den Neunzigerjahren“, sagt Stiftungsvorsitzender Maack. In den letzten fünf Jahren habe die Auslastung wieder ein kritisches Ausmaß erreicht. Grund dafür sei die Erschließung von Wohnraum: Nischengebäude wie alte Trafo- oder Toilettengebäude seien immer weniger für Übungsräume verfügbar, weil sie abgerissen werden und für Bauplatz für neuen Wohnraum herhalten müssen, so Maack. Und er fordert: „Wenn Hannover City of Music sein will, darf es keinen Mangel an Übungsräumen geben.“

Trafo- oder Toilettenhäuschen wurden früher zu Proberäumen umfunktioniert Inzwischen müssen sie immer häufiger Baugrundstücken weichen. Quelle: Privat

Bei der Stadt ist man über den Mangel informiert: „Im Rahmen der Erarbeitung eines Kulturentwicklungsplans wird es auch eine Studie zur Situation der musikalischen ¬Infrastruktur geben“, sagt Stadtsprecherin Anja Menge. Zudem erhalte die Rockmusikstiftung Fördergeld von der Stadt. Am 16. November entscheidet der Kulturausschuss, ob es mehr Geld für die Erschließung neuer Räume gibt. So oder so: Bis es wieder ausreichend Räume für Musiker gibt, wird es noch einige Jahre dauern. „Wenn das House of Music bezahlbar wird, wäre das eine Option“, sagt Musiklehrer Herrmann. Aber: „Bis das fertig ist, bin ich wahrscheinlich schon nicht mehr in Hannover.“

Von Manuel Behrens