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Kultur Ingo Insterburg ist gestorben
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16:53 29.10.2018
Ingo Insterburg
Ingo Insterburg Quelle: picture-alliance / dpa/dpaweb
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Berlin

Ich liebte ein Mädchen in Spandau, / von der war immer der Mann blau. / Ich liebte ein Mädchen in Mainz, / die war gar keins. / Ich liebte ein Mädchen in Indien, wir taten im Reisfeld sündigen. / Ich liebte ein Mädchen in der Sowjetunion, die sagte immer ,Njet mein Sohn’. / Ich liebte ein Mädchen in Luxemburg /die liebte Ingo Insterburg“ – das Liebeslied, das am Ende sogar ins Weltall führt („Ich liebte ein Mädchen aufm Mars / ja, das war’s“) war der wohl bekannteste Song der Blödelgruppe Insterburg & Co., die Ingo Insterburg, der eigentlich Ingo Wetzker hieß und 1934 in Insterburg in Ostpreußen geboren wurde, 1967 zusammen mit Karl Dall, Peter Ehlebracht und Jürgen Barz gegründet hatte. Das Lied war eine eingängige Spaßnummer, vielfach variierbar, ein bisschen anzüglich, ziemlich verrückt und dargeboten auf Schrammelinstrumenten. Es hat zum Ruhm der Gruppe nicht unwesentlich beigetragen.

Insterburg & Co. waren Türöffner; Otto Waalkes, Mike Krüger und auch Helge Schneider bauten auf das auf, was das Quartett vorbereitet hatte. Jetzt ist Ingo Insterburg im Alter von 84 Jahren an den Folgen seiner Krebserkrankung gestorben. Schon 1994 hatte er die Gruppe aufgelöst, danach tourte er als Solist durchs Land und ein bisschen auch als Prophet. Ingo Insterburg, der im Alter recht hager und durchtrainiert aussah, war Ehrenmitglied im deutschen Vegetarierbund und bis zu seinem 70. Lebensjahr Marathonläufer.

„Ich habe einen Wolkenbruch“

Ende der sechziger Jahre, fing mit Insterburg Co. fast etwas Neues an. Der Humor wurde (wieder) gaga, Witze mussten nicht mehr auf die Pointe hin gestrickt werden, Blödelei war möglich – und das wurde durchaus als befreiend empfunden. Vielleicht machten Insterburg & Co. da weiter, wo Karl Valentin und Liesl Karlstadt in den Dreißigerjahren aufgehört hatten.

In den Zeiten vor Privatfernsehen, Video und YouTube waren die Insterburger mit Langspielplatten erfolgreich. „Sketchup“ und einige Nachfolger-LPs versammelten kleine Witze, Kurzhörspiele, und Gaga-Dialoge wie etwa: „Herr Doktor, Herr Doktor. Ja, wo fehlt’s uns denn? – Ich habe einen Wolkenbruch“ Oder: „Ja, warum weinst Du denn? Ich ... Ich habe ein Pfund Weintrauben gegessen.“ Heute würde man solche Witze vielleicht als zu sparsam empfinden, damals lag man am Boden vor Lachen.

Da gab es einige unvergessliche Momente: Der Satz des Musikers in „Die Orchesterprobe“: „Ich habe Schmalz am Bogen“ (nachdem einer der Musiker ein Butterbrot gegessen hatte und ein anderer mit dem Fahrrad durch die Probe gefahren war) oder der Geigenbaueropa, der dem Schülerzeitungsredakteur den neuen Slogan der Firma verrät: „Unsere Geigen brennen länger“. Und natürlich der neue Dialekt für Osnabrück, der an den Probesätzen „Osnabrück ist eine schöne Stadt. Sie liegt in einer Gegend. Viele Häuser zieren das Weichbild.“ durchexerziert wurde. Nicht komisch? Doch. Ansonsten gilt: „Didppdapp Duppdapp Dongo, ich fahre in den Kongo.“ Das konnte man damals auch noch einfach so singen.

Insterburg & Co. erinnerten daran, dass Humor ein anarchisches Element haben sollte, dass Lachen die Welt weiten kann. Die vier Quatschmacher wirkten Anfang der Siebzigerjahre vielleicht unpolitisch, aber sie waren es nicht. Ihre Blödelei hatte auch mit dem Aufbruch der Achtundsechziger zu tun.

„Guitar-Ingo“ bei Klaus Kinski

Und ihre Musik war vielleicht auch eine Art Protest gegen den damals mächtigen Schlager. Alles klang schräg, billig, unfertig, schrammelig und aufgekratzt. Die Band spielte oft auf selbst gebauten Instrumenten. Ingo Insterburg spielte unter anderem Gitarre, Geige, Querflöte und Saxofon – und natürlich die Bürstenflöte, die Schlauchtröte und das Eimerbanjo. „Alles, was man zum Klingen bringen kann, das mach ich“, hat er gesagt. Als Gitarrist ist er vor seiner Zeit mit Insterburg & Co. zusammen mit dem Schauspieler Klaus Kinski aufgetreten, dessen Zimmernachbar er in der WG in der Uhlandstraße in Berlin war. Wenn Kinski seine Brecht-Balladen vortrug, begleitete ihn Ingo Insterburg musikalisch. „Guitar-Ingo“ nannte ihn Kinski auf der Bühne.

In seiner Show aber war er Ingo Insterburg. Einmal kündigte ihn Karl Dall so an: „Sag’ mal, wer bist Du eigentlich?“ „Ich bin Ingo Insterburg.“ „Und was willst’ mal machen, wenn das nicht mehr so läuft?“ „Dann arbeite ich als Korkenzieher“. Und dann war ein „Plopp“ zu hören, ein sattes, feines „Plopp“.

Von Ronald Meyer-Arlt