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Kultur Frau McKennitt, warum schreiben Sie keine Protestsongs?
Nachrichten Kultur Frau McKennitt, warum schreiben Sie keine Protestsongs?
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00:15 16.03.2019
„Wir geigen herum, während Rom brennt“: Loreena McKennitt. Quelle: Richard Haughton

Frau McKennitt, Ihre Musik steht in keltischer Tradition, Ihre Vorfahren stammen aus Schottland und Irland. Sie selbst sind Kanadierin. Fühlen Sie sich Europa verbunden?

Definitiv. Es ist ganz natürlich, dass Menschen sich für das Erbe ihrer Familie interessieren. Aber mein Interesse an den Kelten entwickelte sich aus der Musik heraus. Das brachte mich nach Europa.

Sie leben seit 1981 in einer Kleinstadt in der Nähe von Toronto. Wie wichtig ist Rückzug für Sie?

Ich wohne sogar auf einem Hof außerhalb der Stadt. Das ist nicht so sehr eine Flucht vor Menschen, sondern mein Bedürfnis nach Nähe zur Natur. Ich möchte nicht ständig mit Reizen bombardiert werden. Wir haben das neue Album auch deshalb in Peter Gabriels Studio im ländlichen England aufgenommen.

Was bedeuten Ihnen Orte, an denen Sie Ihre Musik spielen, gerade auch auf Tournee?

Wir spielen sowohl in modernen Hallen als auch an historischen Orten wie dem Amphitheater im sizilianischen Taormina. Ich spüre gerne eine Verbindung mit der Geschichte. Aber jeder Ort ist besonders und lässt ein Gemeinschaftsgefühl zu.

Für das Album „An Ancient Muse“ reisten Sie vor 15 Jahren durch Asien. Wonach suchten Sie?

Ich spürte ferne Orte keltischer Geschichte auf. Ich ließ mir zum Beispiel von Archäologen eine Ausgrabung in Ankara zeigen, bei der keltische Ruinen gefunden wurden, und reiste nach Urumtschi im Nordwesten Chinas, um mir Mumien mit rotem Haar anzusehen. Ich sammle auf solchen Reisen innere Bilder, die sich dann in meine kreativen Prozesse weben, in Texte oder musikalische Arrangements.

Geht es Ihnen darum, Altes durch Neues zu ergänzen?

Absolut. Ich glaube nicht, dass ich nur mit antiken Instrumenten arbeiten würde, auch wenn ich unbegrenzten Zugang zu ihnen hätte. Heutige Ohren könnten zu solcher Musik kaum Bezüge herstellen. Also verbeuge ich mich nur kurz vor der Geschichte.

Viele Menschen empfinden Ihre Musik als spirituell. Sind Sie selbst religiös?

Spiritualität scheint ein menschliches Grundbedürfnis zu sein, daraus entstanden Religionen, die uns wichtige Dinge lehren können. Meine Spiritualität ist eng mit der Natur verbunden. Aber Texte und Musik finden oft in unterschiedlichsten Richtungen Widerhall.

Sie engagieren sich sozial und ökologisch. Dennoch schreiben Sie keine Protestsongs. Geht es Ihnen um sanfte Veränderungen?

Ich wäre durchaus bereit für eine Revolution. Und ich frage mich, worauf ich meine kreative Energie in Zukunft lenken soll, ob ich als Künstlerin radikaler werden soll. Wir sollten uns alle mehr um die wichtigen Probleme wie den Klimawandel kümmern. Oft habe ich das Gefühl, wir geigen herum, während Rom brennt.

Ist der Titel des neuen Albums, „Lost Souls“, ein Kommentar zum Zustand der Welt? In vielen der Stücke geht es eher um Sehnsucht und persönlichen Verlust.

Einige der Lieder habe ich schon vor vielen Jahren geschrieben. Vor allem das Titelstück hat einen Bezug zu meinem heutigen Blick auf die Welt. Es entstand unter dem Eindruck des Buchs „Eine kurze Geschichte des Fortschritts“ des Anthropologen Ronald Wright, der behauptet, die Menschheit tappe immer wieder in sogenannte „Fortschrittsfallen“ und suche sich dann neue Welten, um von vorn beginnen zu können. Nun lebe ich als Kanadierin ja in einer solchen neuen Welt und weiß, wie es um sie steht. „Lost Souls“ reflektiert, wie schief die Dinge vielleicht schon gegangen sind.

Zur Person

Loreena McKennitt gründete 1985 ihr eigenes Plattenlabel, um ihr erstes Album zu veröffentlichen. Seither erforscht die kanadische Musikerin mit großer Unabhängigkeit keltische und orientalische Musiktraditionen und vereint sie zu äußerst erfolgreicher Weltmusik, oft mit mystischen und spirituellen Bezügen. Die Sängerin und Harfinistin verkaufte bereits über 14 Millionen Alben weltweit, davon mehr als 1,6 Millionen in Deutschland. 2018 veröffentlichte sie ihr aktuelles Album „Lost Souls“, das erste mit neuen Stücken seit zehn Jahren. Loreena McKennitt gastiert am Mittwoch, 3. April, um 20 Uhr im Kuppelsaal. Tickets sind für 75 bis 92 Euro im HAZ-Ticketshop erhältlich.

Von Thomas Kaestle

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