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Kultur Salon-Gesprächskonzert mit Michael Wollny
Nachrichten Kultur Salon-Gesprächskonzert mit Michael Wollny
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13:23 11.11.2018
Jazzpianist Michael Wollny im Literarischen Salon in der Lutherkirche.
Jazzpianist Michael Wollny im Literarischen Salon in der Lutherkirche. Quelle: Moritz Frankenberg
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Hannover

 An diesem Abend geht es um Jazz. Deshalb wird viel improvisiert, auch im Gespräch. Der jazzaffine „Tagesspiegel“-Literaturredakteur Gregor Dotzauer stellt die Fragen, der vielfach mit Preisen ausgezeichneten Jazzpianist, und Komponist Michael Wollny antwortet – mit viel Spaß am Unerwartbaren.

Der Literarische Salon der Leibniz Universität hat zum Gesprächskonzert mit dem Weltklassejazzer in die Jugendkirche geladen, die umgewidmete Lutherkirche. Viele Gäste sind schon Wollny-Fans, haben seine Gänsehaut erzeugende Klangart vor Jahren im JazzClub am Lindener Berg erlebt, die Restlichen sind es wohl nach dem Gespräch und dem Spontankonzert des Musikers geworden.

Kann improvisieren jeder lernen? Wie improvisiert man? Heißt improvisieren totale Freiheit? Dotzauers Fragen auf dem roten Sofa zwischen Taufbecken und Kanzel geraten viel länger, viel belesener, auch viel theoretischer. Wollny lässt sich gutgelaunt und mit den nervösen Händen durchs Wuschelhaar fahrend auf die Überlegungen seines Gegenübers ein. Um allerdings kurzerhand das eigene Gedankenkonstrukt grinsend zusammenfallen zu lassen: „Versteht mich überhaupt noch jemand?“ Und: „Sind Musiker hier?“ Einer meldet sich. Prima, „einer weiß, wovon ich rede.“

Es sei die Bandbreite der Parameter wie beispielsweise die Wahl des Instruments, die Wahl der Tonart, die das Improvisieren „unterschiedlich frei“ mache. Oder eine kompositorische Vorgabe wie beim Musikfest in der Alten Oper in Frankfurt. Dort improvisierte Wollny mit seinem Trio nach einer Partitur von Gyorgy Ligeti. Das Fremde sei für ihn reizvoll, sagt er, und es sei reizvoll zu spielen.

Wollny, der 1978 in Schweinfurt geboren wurde und inzwischen in Leipzig lebt und lehrt, vermeidet eindeutige Jas und Neins. Stattdessen erwähnt er mehrfach den Begriff des Moments. Auf den müsse man sich einlassen. Der Ton als Ausdruck des Moments, das Jetzt als Lehrmeister, das gehöre zu seiner Musik. Auf die Frage nach dem impulsgebendsten Lehrer nennt Wollny ohne zu zögern Chris Beier. Den professoralen Versuch, Beiers Synthese von Paul Hindemith und George Russell zu erläutern, bricht Wollny, der im Frühjahr zwei hochgelobte, neue Alben herausbrachte, jedoch lachend ab. Stattdessen zitiert er den Kollegen Heinz Sauer: „Ich will gar nicht wissen, was ich spiele.“

Die Quintessenz von Wollnys Kunst: viel, viel hörend und lesend vorbereiten und beim Spiel alles vergessen. So lässt es sich dann auch im rappelvollen Kirchensaal beim anschließenden Konzert sicht- und hörbar verfolgen. Was mit wenigen, extrem leisen Clustern beginnt, schwillt sehr allmählich zu trancehaften Klanggebilden an. An den Pedalen wird Wollny zum Steptänzer, auf den Tasten setzt er seinen ganzen Unterarm ein. Und in einzelnen Passagen schlagen, streicheln, kratzen, und zupfen Wollnys Hände die Saiten im Innern des Flügels. Längst ist Wollny in Welten unterwegs, über die nichts mehr zu sagen bleibt.

Wollny improvisiert nicht mehr, da ist etwas in ihm, das improvisiert. Das Auswärtsspiel des Salon gerät zum rauschhaften Tanz zwischen Taufbecken und Kanzel.

Die nächsten beiden Veranstaltungen des Literarischen Salons sind wegen des starken Besucherinteresses in den Audimax der Leibniz-Uni verlegt worden. Am heutigen Montag spricht dort Harald Lesch, am Donnerstag, 15. November liest dort Juli Zeh.

Von Alexandra Glanz