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09:18 31.01.2019
Wissenschaftler könnten bei der Einschätzung der Lage helfen:  Protest gegen das Diesel-Fahrverbot in Stuttgart.
Wissenschaftler könnten bei der Einschätzung der Lage helfen: Protest gegen das Diesel-Fahrverbot in Stuttgart. Quelle: Foto: Oliver Willikonsky/dpa
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Hannover

Der Zeitpunkt war gut gewählt, um sich größtmögliche Aufmerksamkeit zu sichern. Gerade erst hatte Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) die Expertinnen und Experten seiner eigenen Arbeitsgruppe „Klimaschutz im Verkehr“ spektakulär diskreditiert: Gegenüber der Nachrichtenagentur dpa erklärte er, das vorgeschlagene Tempolimit von 130 Stundenkilometern auf Autobahnen sei „gegen jeden Menschenverstand“. Da legt der 70-Jährige Lungenfacharzt, Diplom-Ingenieur und ehemalige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie (DGP), Dieter Köhler, nach. In einer mit seinem Namen versehenen „Stellungnahme“ werden die geltenden Grenzwerte für Stickstoffdioxid und Feinstaub scharf attackiert. Besonders im Visier: eine Studie, die das Umweltbundesamt beim Helmholtz-Zentrum München in Auftrag gegeben hatte, und die dem Amt seit März 2018 dazu dient, die Emissionsgrenzwerte im Straßenverkehr in der Öffentlichkeit zu verteidigen.

Lungenfacharzt Köhler unterstellt der Expertise einen „systematischen Fehler“, Daten würden zudem „extrem einseitig interpretiert“. Aus Köhlers Sicht sind die Befunde von Helmholtz und dem Umweltbundesamt wissenschaftlich wertlos und die Grenzwerte für Stickstoffdioxid und Feinstaub unsinnig. Diesem Urteil sollten sich bitte auch die 3800 Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie per Unterschrift anschließen. Doch weniger als drei Prozent mochten ihrem früheren Cheflobbyisten folgen.

Grenzwerte für Stickoxide und Feinstaub: Wissenschaftliche Hysterie?

Fassen wir kurz zusammen: Ein seit fast sechs Jahren im Ruhestand befindlicher Mediziner publiziert eine „Stellungnahme“ unter seiner Privatadresse, ohne institutionelles Mandat, auf zwei Seiten ohne Briefkopf; im Grunde nichts weiter als ein Leserbrief. 97 Prozent der Mitglieder seines Fachverbands verweigern ihre Unterschrift. Und abends ist Köhler im „heute journal“ zugeschaltet, wo er im Gespräch mit Claus Kleber die Grenzwerte für Stickoxide und Feinstaub freundlich lächelnd und unwidersprochen als wissenschaftliche Hysterie abhaken darf. Seither ist Köhler in vielen Medien der Republik zu Wort gekommen.

Ich habe nicht vor, das Positionspapier von Köhler & Co in den wirklich relevanten Forschungskontext einzuordnen. Das haben dazu berufene Wissenschaftsjournalisten längst getan. Sie haben nachgeholt, was Claus Kleber in seinem TV-Gespräch mit Köhler nicht geleistet hat: Köhler auf Augenhöhe mit Fachexpertise herauszufordern. Zum Glück haben sich Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten gefunden, die im Nachhinein die Dinge zurechtrückten und versuchten, wozu das Wissenschaftssystem kurzfristig nicht in der Lage war: der interessierten Öffentlichkeit die komplexe Materie näher zu bringen und dabei auch widerstreitende Meinungen innerhalb der Wissenschaft nicht zu verschweigen.

Warum nehmen Wissenschaftler das hin?

Die Frage beschäftigt mich seit Tagen: Warum nehmen es wissenschaftliche Institutionen widerspruchslos hin, dass ihre Kompetenz und Glaubwürdigkeit von populistischen Politikern, Lobbyverbänden, oberflächlich informierten Medien und profilierungssüchtigen Multiplikatoren im Handstreich demontiert werden? Gewiss gehört die leidenschaftliche Kontroverse zum wissenschaftlichen Erkenntnisprozess dazu. Niemand ist im Besitz der einzigen Wahrheit. Aber wenn nur diejenigen in einer Debatte zu hören sind, die am lautesten schreien und die einfachsten Antworten parat haben, dann ist der Wurm drin.

Wenn sich die Wissenschaft vornehm zurückhält, überlässt sie Akteuren das Feld, die wissenschaftliche Befunde aushebeln wollen, um eigene, zumeist politische oder ökonomische Interessen durchzusetzen. Die Autoindustrie wird dem streitbaren Pensionär aus der Lungenmedizin Lorbeerkränze flechten. Und die Öffentlichkeit weiß schon lange nicht mehr, wem sie überhaupt noch was glauben soll.

Eine toxische Lage für das Ansehen der Wissenschaft

Für das Ansehen der Wissenschaft ist das eine toxische Lage. Nur scheint dies in den Führungsetagen der großen Wissenschaftsorganisationen und –verbänden niemanden zu beunruhigen. Bis zum heutigen Tag findet sich auf den Homepages des Umweltbundesamtes und des heftig kritisierten Helmholtz-Zentrums in München keine Stellungnahme zu den Vorwürfen. Es heißt sogar, dass das Helmholtz-Zentrum München Anfragen von Journalisten unbeantwortet zurückgewiesen habe. Krisenkommunikation sieht anders aus.

Ich persönlich wünschte mir, „die Wissenschaft“ hätte ihre Verantwortung als Mitgestalterin der Gesellschaft und deren Zukunft ernster genommen und sich in der Debatte prominent zu Wort gemeldet. Doch darauf ist das System in all seiner Komplexität offenbar gar nicht vorbereitet. Tagesaktuelle Diskurse erfordern eine schnelle Abstimmung von Positionen und eine institutionenübergreifende Verbreitung. Diesen konzertierten Aktionen stehen aber jede Menge Eigeninteressen und Eigenarten der Institutionen und Verbände entgegen. Kann man sie überwinden?

Ich glaube, daran führt kein Weg vorbei. Denn Nachrichtenlagen wie die aktuelle werden sich häufen. Der Bedarf nach schnell verfügbarem Orientierungswissen aus der Wissenschaft, das auch für Laien nachvollziehbar ist, wird weiter wachsen. Kommunikationsverantwortliche müssen ihre Leitungsebenen viel stärker motivieren, mit dem „Dialog auf Augenhöhe“ endlich Ernst zu machen. Und Gräben zwischen Organisationen, Disziplinen, Lehrmeinungen pragmatisch zu überbrücken, wenn es darum geht, mit einem gemeinsamen, kraftvollen öffentlichen Auftritt die Unabhängigkeit und „Wahrhaftigkeit“ von Wissenschaft gegen Meinungsmacher und Realitätsverzerrer zu verteidigen.

Unser Autor: Jens Rehländer

leitet die Kommunikation der Volkswagenstiftung in Hannover. Diesen Gastbeitrag hat er – in einer längeren Version – auf seinem privaten Blog (jensrehlaender.wordpress.com) veröffentlicht, in dem er sich Fragen der Wissenschaftsvermittlung widmet.

Stellungnahme des Helmholtz Instituts

Mittlerweile haben sich auch die Forscher des vielfach kritisierten Helmholtz Instituts München nach bald einer Woche doch noch einmal zu dem Thema Luftschadstoffe geäußert. In einem internationalen Verbund kommen Sie zu völlig anderen Ergebnissen als die Lungenärzte, die Professor Köhler stützen – und sind sich sicher, dass die Grenzwerte zutreffen. Sie verweisen überdies darauf, dass die internationale Abstimmung einer solchen Reaktion ihre Zeit brauche - und dass dies unter heutigen Medienbedingungen möglicherweise zu lange gedauert habe.

Die ganze Stellungnahme findet sich hier.

Von Jens Rehländer, Gastbeitrag