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Kultur Joachim Król begeistert sein Publikum in Hannover
Nachrichten Kultur Joachim Król begeistert sein Publikum in Hannover
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00:16 05.02.2019
Weit ausgreifend: Joachim Król im Schauspielhaus. Quelle: Nancy Heusel
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Hannover

Bald blickt er ins Buch, bald über den Brillenrand ins Publikum, er gestikuliert mit den Armen, rudert mit den Beinen, moduliert die Stimme, lässt Heiterkeit, Trauer, Einsamkeit aufscheinen. So variantenreich, so kunst- und spannungsvoll weiß Joachim Król vorzutragen – und oft wird er dabei für das Publikum geradezu zum Alter Ego von Jacques Cormery, der wiederum das Alter Ego von Albert Camus ist.

Vor vollem Haus

Denn Cormery ist die Hauptfigur von Camus‘ Roman „Der erste Mensch“. Doch was heißt hier Roman? Das Buch ist das erst 1994, 30 Jahre nach dem Unfalltod des Schriftstellers, veröffentlichte Manuskript eines deutlich autobiografischen Werks. Darin schildert der durchaus gegen seinen Willen gern als existenzialistisch etikettierte und 1957 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnete Camus vor allem seine schwere Kindheit. Wie seine Figur Cormery ist auch Camus 1913 geboren, der Vater stirbt 1914 als Weltkriegssoldat, die Mutter, Analphabetin und nahezu taub, überlässt der schroffen Großmutter die Erziehung im engen Milieu der ärmeren Algerienfranzosen in der damaligen Kolonialhauptstadt Algier.

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Król lässt diese Last der Verhältnisse auf der Bühne des ausverkauften Schauspielhauses spüren, zeigt Cormery mal leidend, mal wütend, mal freudig sinnend. Der Schauspieler ist zuerst als Darsteller in Komödien, später als „Tatort“-Kommissar bekannt geworden. Król stellt mit dieser Lesung, mit der er und das Orchestre du Soleil bereits vor einem Jahr das Publikum des Schauspiels begeistert haben, erneut vor vollem Haus unter Beweis, dass er auch ganz anders kann. Dass er souverän vom leichten ins ernste, geradezu getragene Fach zu wechseln vermag.

Emanzipation durch Bildung

Unterstützt wird der 61-Jährige von dem die Lesung begleitenden Quintett Orchestre du Soleil. Dessen Mischung aus arabischem Rai und französischer Musette passt gut zu der algerienfranzösischen historischen Folie, schon allein, weil darin neben Gitarre und Akkordeon, Schlagzeug und Klarinette auch die arabische Oud-Laute ertönt. Doch wichtiger sind die Imaginationen, die Król in den Köpfen hervorzurufen vermag: Der Schauspieler lässt durch seinen Vortrag ein ganzes Figurenensemble vor dem geistigen Auge der Zuschauer erstehen – und demonstriert dabei überdies, dass man auch auf einem Barhocker sitzend geradezu tänzerisch beweglich sein kann.

So scheinen die sanfte Mutter, der Onkel Etienne und der Jugendfreund Pierre die Bühne zu bevölkern. Und der Lehrer Germain, der für Camus’ Alter Ego besonders wichtig ist: Er überredet die Großmutter, den Jungen aufs Lycée, aufs Gymnasium also, zu schicken, was auch dem jungen Albert Camus den Ausweg aus Armut und Unwissenheit bahnt. „So wurde ich aus der unschuldigen Welt der Armen herauskatapultiert“, zitiert Król den Schriftsteller vor der Pause, deren Licht manchen im Publikum mit vor Rührung feuchten Augen zeigt.

Minutenlanger Applaus

Völlig unsentimental hat Camus am Lycée beobachtet, dass er, anders als die wohlhabenderen Mitschüler, auf keinerlei familiäre Anknüpfungspunkte zurückgreifen kann, dass er sich „ganz auf meine Kosten allein erziehen muss“, dass er sich damit aber auch gleichsam selbst erschaffen kann – als „der erste Mensch“ eben. Es geht also um Emanzipation durch Bildung, aber auch um den damit einhergehenden Verlust naiver Unschuld. Ein Rollenwechsel, den Król gleichfalls überzeugend verkörpert. Das Publikum reagiert darauf am Ende dieses knapp zweieinhalbstündigen Abends mit begeisterten Pfiffen, Bravorufen und Füßetrampeln – und viele erheben sich sogar zu dem minutenlangen Applaus.

Nächste Lesung im Schauspiel am 15. März um 19.30 Uhr mit Devid Striesow, der Texte des schweizerischen Schriftstellers Robert Walser liest.

Von Daniel Alexander Schacht