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Kultur „Schneewittchen“ im Staatstheater
Nachrichten Kultur „Schneewittchen“ im Staatstheater
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11:47 07.10.2018
Michèle Stéphanie Seydoux und Giada Zanott in Jörg Mannes „Schneewittchen“
Michèle Stéphanie Seydoux und Giada Zanott in Jörg Mannes „Schneewittchen“ Quelle: Weigelt
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Hannover

Das Haus der sieben Zwerge ist gar kein Haus, sondern bloß ein Gehäuse. Der dreidimensionale weiße Quader hat keine Decke und keine Wände. Die Königstochter muss sich auf seinen Verstrebungen hinauf- und herunterhangeln. Auch von ihrer Geschichte ist nur noch das Gerüst geblieben. Hannovers Staatsballettchef Jörg Mannes hat das Märchen von „Schneewittchen“ entkernt. Bis auf die Rahmenhandlung: Die von maßloser Geltungssucht beherrschte böse Königin ist eifersüchtig auf ihre von Natur aus schöne Stieftochter und trachtet ihr nach dem Leben. Leider sind bei dem radikalen Makeover, das sich im ersten Teil nahezu komplett auf die Königin und ihren Schönheitswahn konzentriert, die magischen Momente des Märchens auf der Strecke geblieben. Ein klassisches Familienstück ist dieses Ballett nicht. Dennoch gab es bei der Premiere im Opernhaus langen und lautstarken Beifall – auch von den zahlreichen Kindern im Publikum.

Für all jene, die keine romantische Märcheninszenierung erwarten und es eher kitschfrei mögen, bietet Mannes‘ Tanzadaption des Grimm‘schen Werks modernes Bewegungsdesign mit vielen Überraschungen. Besonders der zweite Akt nach der Pause ist spannend und mitreißend.

Es ist der Part, als Schneewittchen bei den Zwergen angelangt ist. Zwar ist die Gefahr vor der bösen Königin noch nicht ganz gebannt. Doch wie bei der Originalvorlage darf man auch hier erleichtert aufatmen: Schneewittchen ist den Grausamkeiten ihrer Stiefmutter nicht mehr allein ausgeliefert. Sie hat Helfer in der Not. Und was sind das für Kerle!

Mannes verpasst den Zwergen ein neues Image und verzichtet auf alles Drollige. Statt mit Zipfelmützen stattet er sie mit Sturmhauben und Lederwesten aus. Die Zwerge sind hier schwere Jungs. Muskelbepackt und tätowiert. Einmal nur deuten sie Bocksprünge an, doch ansonsten bewegen sie sich wie Gangmitglieder aus der „West Side Story“: Geschmeidig und cool, kraftvoll und kämpferisch. Musikalisch untermalt werden diese Auftritte mit Denis Piza als charismatischem Zwergenanführer von der zum hannoverschen Staatsorchester gehörenden Schlagzeugformation Rummsfeld.

Die Musiker sind mit ihrem imposanten Schlagwerk, das auch Metallfässer und Kuhglocken umfasst, auf der Bühne platziert. Der rhythmische Sound klingt oft metallisch und greift das Bild von den im Bergwerk schuftenden Zwergen auf. Diese sind Schneewittchens raue Kumpane, die zwar wild mit ihr tanzen und sie durch die Luft wirbeln, sie aber auch auffangen und beschützen. Zumal Catherine Franco im weißen Baumwollkleidchen ein besonders schutzloses Schneewittchen verkörpert. Ihre Rolle ist sehr mädchenhaft angelegt, mit verspielt und verträumt wirkenden Bewegungen. Die Königstochter ist die meiste Zeit über ein naives Hascherl, bei dem erst ganz zum Schluss Selbstbewusstsein aufblitzt.

Das Erstarken des jungen Mädchens zur reifen Frau ist aber auch nicht Mannes‘ Hauptansatz. Er macht aus „Schneewittchen“, wie so mancher Choreograf oder auch Filmregisseur vor ihm, keine Coming-of-Age-Story, sondern ein Narzissmus-Drama. Im Mittelpunkt steht die Stiefmutter, die Mannes gleich dreifach besetzt. Michèle Stépahnie Seydoux, Steffi Waschina und Lilit Hakobyan teilen sich die Rolle. Das ist offenbar dem Verwandlungsgedanken geschuldet: Die mondäne Stiefmutter wechselt ihr Aussehen so oft wie ihre divenhaften Kleider (Kostüme: Alexandra Pitz).

Kein Zauberstab, sondern ein Skalpell bewirkt die äußerlichen Veränderungen: Sieben plastische Chirurgen in giftgrüner OP-Montur hieven die eitle Königin immer wieder auf eine Liege und deuten Schnitte und Straffungen an. Die einzig gruselige Szene in dieser Geschichte (die in der Originalfassung viele rabenschwarze Momente hat) ist denn auch eine überdimensionale Videoprojektion mit Händen in Latexhandschuhen, die Augenfältchen glatt ziehen.

Das Geschehen im ersten Akt ist auf der kargen Bühne (Florian Parbs) in kaltes Licht getaucht. Allenfalls die Orchester-Musik von Strawinsky, Schostakowitsch und Grieg (Musikalische Leitung: Mark Rohde) sorgt bei dieser sterilen Klinikatmosphäre noch für die dem Märchen eigenen mystischen Zwischentöne. Ein bisschen Zauber immerhin bringt Giada Zanotti als Spiegel ins Spiel: Im mit silbernen Pailletten besetzten, funkelnden Ganzkörperanzug und der ihr eigenen besonderen Eleganz liefert sie sich freche bis melancholisch anmutende Duette mit Schneewittchen und den tänzerisch wie darstellerisch herausragend agierenden Stiefmüttern. Hier siegt die Schönheit der Bewegung.

Nächste Vorstellung: 13. Oktober, von 19.30 Uhr an in der Staatsoper Hannover.

Von Kerstin Hergt