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Kultur Jörg Widmann bei der Radiophilharmonie
Nachrichten Kultur Jörg Widmann bei der Radiophilharmonie
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00:15 26.11.2018
Struktur statt Töne: Andrew Manze (links) und Jörg Widmann proben im Funkhaus. Quelle: Katrin Kutter
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Hannover

Musik ist Klang. Sie kann aber auch etwas mehr sein. Oder vielleicht sogar etwas anderes. Bei dem Komponisten und Klarinettisten Jörg Widmann begegnet man jedenfalls einem ganz eigenwilligen Zugang zu Musik. Bei ihm scheinen die Stücke dem Zuhörer plastisch entgegenzutreten. Andere Musiker mögen mit Tönen malen oder zeichnen; Widmann schafft raumgreifende Klangskulpturen: in seinen eigenen Werken – aber auch mit einer Aufführung von Mozarts Klarinettenkonzert, das nun mit ihm als Solisten, der NDR Radiophilharmonie und Dirigent Andrew Manze im Funkhaus zu hören war.

Jörg Widmann und Andrew Manze bei der Probe

Widmann geht es weniger um Klangfarben und -mischungen, die sonst oft in klassischen Konzerten eine zentrale Rolle spielen. Auf der Klarinette hat er einen sehr kultivierten, warmen Ton gefunden, den er vergleichsweise wenig variiert. Zumindest bei Mozart taucht er die Töne nicht in ständig wechselndes Licht. Seine bezwingende Interpretation, die im ausverkauften Saal ungewöhnlich heftig bejubelt wird, entsteht weniger auf der Oberfläche der Töne als in ihrer Struktur.

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Der 45-Jährige gibt Mozarts Musik entschieden Richtung und Raum, er verstärkt ihren ohnehin aktiven Charakter: Melodien und Harmonien sind ständig in Bewegung und streben einem Ziel zu. Manze und die Radiophilharmonie sind dabei hellwache Begleiter. So tönt die Musik auf fast ideale Weise klar: Was sie sagt, ist deutlich zu erfassen. Das ganz auf Sprache trainierte Ohr allerdings reicht dafür als Sinn nicht aus – das spürt man spätestens, wenn der eigene Herzschlag sich angesichts der Schönheit des zweiten Satzes beschleunigt.

Auch in Widmanns eigener Musik ist diese große Klarheit zu spüren. An der branchenüblichen Verrätselung ist dieser Komponist nicht interessiert. Durch seine Konzertouvertüre „Con brio“ etwa, die den Abend tatsächlich mit Schwung eröffnet, wehen Elemente von Beethovens 7. und 8. Sinfonie. Auch hier wirkt die Musik ungewohnt dreidimensional. Einzelne Akkorde oder Rhythmusfragmente wirbeln durch die Partitur wie Laub im Herbststurm. Sie formen sich zu neuen Figuren, bauschen sich rasant auf und fallen ebenso schnell wieder in sich zusammen – dann hauchen die Bläser in ihre Instrumente, als hätten die Töne ihre Farbe verloren wie Blätter das Grün.

Wieder zu voller Pracht entfaltet sind sie nach der Pause in der vollständigen Version von Beethovens Siebter. Manze und die Musiker setzen dabei fort, was sie mit Mozart begonnen haben: zugespitzte, aber nie überzogene Phrasierungen und Tempi, sehr sorgfältige Klangbalance und Sinn für überraschende Momente. Die logische Folge: begeisterter Applaus.

Am Sonntag spielt Widmann um 11.30 Uhr und um 18 Uhr noch einmal das Mozart-Konzert in der moderierten Reihe „Klassik Extra“ im Funkhaus. Für die zweite Aufführung gibt es noch Karten. Am Sonnabend, 19.30 Uhr, spricht Andrew Manze in der Christuskirche über „Die Kunst des Führens.“ Bei dieser Veranstaltung des Salon-Festivals singt auch der Mädchenchor Hannover.

Von Stefan Arndt