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Kultur Herr Reichholf, was hat uns Darwin noch zu sagen?
Nachrichten Kultur Herr Reichholf, was hat uns Darwin noch zu sagen?
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00:17 22.12.2018
„Warum ist so etwas wie Kurzsichtigkeit noch nicht wegselektiert worden?“ Josef H. Reichholf im hannoverschen Landesmuseum. Quelle: Samantha Franson
Hannover

 Mehr als 30 oft viel beachtete Bücher hat Josef H. Reichholf geschrieben. Nun hat der Biologe den Übersetzer von Charles Darwins Hauptwerk bei seiner Arbeit fachlich beraten und ein Nachwort zu der neuen deutschen Ausgabe verfasst. Diesen vergleichsweise kleinen Beitrag hält Reichholf für eine seiner wichtigsten Veröffentlichungen: Darwins „Der Ursprung der Arten“ sollte seiner Meinung nach jeder lesen.

Herr Reichholf, Sie sind an der neuen deutschen Ausgabe von Charles Darwins „Der Ursprung der Arten“ beteiligt. Es ist die erste komplette Neuübersetzung seit 100 Jahren. Wozu braucht man die jetzt noch?

Das ist eine berechtigte Frage: Im fachinternen Bereich ist Englisch als Wissenschaftssprache ohnehin allgegenwärtig. Man könnte also sagen, die Fachleute müssen sich sowie mit dem Original auseinandersetzten, da brauchen wir keine Übersetzung. Ich bin aber der Meinung, dass ein Werk, das so grundlegend ist für die gesamte Biologie, sehr wohl verdient, auch in Bereichen der Bevölkerung wirksam zu werden, bei denen wissenschaftliches Englisch nicht vorauszusetzen ist. Mit jeder Form der Übersetzung werden allerdings auch inhaltliche Veränderungen vorgenommen. Es ist schwierig, den Inhalt so präzise zu übersetzen, dass er dem Original gerecht wird, ohne unlesbar zu werden.

An welchen Stellen zeigt sich das besonders?

Es gibt die berühmte Wendung „Survival of the Fittest“. Die alten Übersetzungen, die vom Überleben der Tauglichsten, Tüchtigsten oder Stärksten sprechen, sind aus heutiger Sicht stark daneben gegriffen und missbraucht worden. Wir könnten uns die Sache leicht machen: Fitness versteht heute schließlich auch jeder auf Deutsch. Aber das Fitnessstudio hat Darwin natürlich auch nicht im Sinn gehabt. Es bedarf also einer Erläuterung, was genau gemeint ist: Es geht um mehr als physische Stärke und Durchsetzungskraft gegenüber anderen, gemeint ist hier ein vorübergehender, zeitabhängiger Zustand. Wir haben uns letztlich für die Formulierung „Überleben der am besten Angepassten“ entschieden.

Ist das Buch wissenschaftlich noch aktuell, oder ist es eher historisch interessant?

Es ist in mehrfacher Hinsicht aktuell. Darwin hat hier Fragen aufgeworfen, die noch immer behandelt werden. Wir können heute zum Beispiel nicht genau sagen, was eigentlich die Anpassung bei einem Organismus ist. Warum ist so etwas wie Kurzsichtigkeit noch nicht wegselektiert worden? Vielleicht, weil Günstigeres damit kombiniert ist. Fast alle Merkmale stehen in komplexer Verbindung zueinander. Dieses Zusammenwirken aber verstehen wir noch nicht. Deshalb ist es auch so kompliziert mit dem An- und Abschalten von Genen, etwa um Krankheit zu bekämpfen oder Intelligenz zu fördern. Wir wissen nicht, welche komplexen Eigenschaften berührt werden, wenn ein Gen verändert wird.

Wir sind heute also nicht viel weiter als Darwin vor 150 Jahren?

In manchen Bereichen natürlich schon. Wir kennen zum Beispiel die Struktur des Erbguts – Darwin hatte von Vererbung keine Ahnung. Aber allein die Struktur zu kennen, reicht noch nicht aus, um zu wissen, welche komplexen Zusammenhängen dafür sorgen, dass aus simplen Erbanlagen ein Mensch oder ein Schleimpilz wird.

Bei Darwin geht es heute nicht nur um Wissenschaft. In den USA haben die Kreationisten immer mehr Einfluss, für die statt der Evolution die Schöpfung die Grundlage des heutigen Lebens ist. War das auch eine Motivation für die Neuausgabe?

Wir haben in Deutschland und Europa noch die Chance zu verhindern, dass der Einfluss der Kreationisten so groß wird wie in den USA. Dafür lohnt sich jeder Einsatz. Wir haben bewusst nicht die erste Ausgabe von Darwins Buch herausgegeben, sondern die letzte, die er selbst bearbeitet hat. Darwin hat darin Einwände und Kritiken eingearbeitet. Sie zeigt, dass Naturwissenschaft ein Prozess ist. Es ist völlig verkehrt zu sagen, dass „Der Ursprung der Arten“ eine Bibel für die Biologen wäre. Die Bibel muss man glauben, Darwins Buch aber nicht. Es ist ein Anstoß zur kritischen Überprüfung von Fakten und Deutungen, die immer wieder korrigiert werden können.

Zur Person

Josef Helmut Reichholf, geboren 1945 in Aigen am Inn, ist Autor („Evolution. Eine kurze Geschichte von Mensch und Natur“) und einer der bekanntesten deutschen Zoologen. Er hat das Nachwort zu Eike Schönfelds Neuübersetzung von Charles Darwins „Der Ursprung der Arten“ geschrieben (Klett-Cotta, 612 Seiten, 48 Euro).

Von Stefan Arndt

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