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Kultur Juli Zeh präsentiert ihren Roman „Neujahr“ im Literarischen Salon
Nachrichten Kultur Juli Zeh präsentiert ihren Roman „Neujahr“ im Literarischen Salon
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01:15 19.11.2018
„Ich fühle mich gut an Orten, die einfach hässlich sind“: Juli Zeh im Literarischen Salon. Quelle: Foto: Christian Behrens
Hannover

Scharfe Beobachtungen und schräge Typen, das kennt man von den Romanen der Juli Zeh. Dass die Schriftstellerin auch in spontaner mündlicher Rede zu schönen Bonmots imstande ist – das hat jetzt das Publikum des Literarischen Salons erlebt. „Wer ein Recht auf abendliche Erschöpfung hat, ist ein viel größeres Rollenproblem als die Frage, wer beim Pinkeln steht oder sitzt“, sagt sie da zum Ringen um Geschlechtergerechtigkeit zwischen Berufs- und Familienarbeit. „Aber jeder hat ein Recht auf Irrsinn - auch wenn er ein Mann ist.“

Hannover, stadtgewordenes Lanzarote

Da gibt es lautes Gelächter und wohl leises Aufatmen bei manchem Mann im vollbesetzten Audimax. Dorthin ist die Veranstaltung wegen des großen Andrangs verlegt worden. Und weil so viele Juli Zeh erleben wollen, startet Moderator Christoph Bungartz mit persönlichen Fragen an die Autorin, die gut zwei Dutzend Literaturpreise erhalten hat, deren Werke teils in mehr als 30 Sprachen übersetzt sind und die in ihrem Roman „Unterleuten“ bereits Eindrücke vom Leben in einem brandenburgischen Dorf geschildert hat.

Ja, so ein Dorfleben schenke einem viel Zeit, weil man wenig Ablenkung habe, sagt Zeh auf die Frage nach ihrem eigenen dörflichen Alltag in Brandenburg. Und doch sei es erstaunlich, wie schnell mit zwei Kindern und Mann die Zeit vergehe. „Ein bisschen schreiben, Steuererklärung, Einkaufen, schon ist das Jahr wieder rum.“ Nein, sie sei zwar politisch und Autorin, aber keine politische Autorin. Ja, sie habe eine Vorliebe für die von dunklem Sand und wilden Felsen geprägte Insel Lanzarote, wo auch ihr jüngstes Buch „Neujahr“ spielt. „In meiner inneren Verwüstetheit fühle ich mich gut an Orten, die einfach hässlich sind.“ Ob sie auch deshalb gern nach Hannover gekommen sei, will der Hamburger NDR-Redakteur Bungartz wissen. „Hannover, das stadtgewordene Lanzarote?“, setzt Zeh als Frage dagegen - und fügt in die zwischen Gelächter kurz aufbrandenden Buhrufe und Pfiffe hinzu: „Freuen sie sich doch, nicht in einer Stadt wie München oder Hamburg zu leben, die sich ständig im eigenen Narzissmus spiegelt.“

Leben an der Leistungsgrenze

Um Narzissmus, äußere und innere Wüstenei geht es auch in ihrem neuen Roman. Dessen Hauptfigur Henning ist schon insofern ein schräger Typ, weil er sich am Neujahrsmorgen krummlegt, um auf dem Rad einen der steilen Inselberge hochzuackern, womit er zwar dem Familienalltag entflieht, aber auch körperlich an seine Leistungsgrenzen geht, die er ohnehin ständig spürt. Damit beginnt jener „Horror“, den Juli Zeh als Romantitel vorgesehen, aber nicht gegen den Verlag (Luchterhand, 192 Seiten, 20 Euro) durchgesetzt hat. Sie zeigt Henning als vom Zeitgeist der Selbstoptimierung getrieben, als Mann, der Versorger und Betreuer zugleich sein will, der alles mit sich selbst abmacht und in steter Überforderungsangst lebt.

Typisch Mann? Zeh stellt klar, dass solche Ängste auch Frauen kennen, die ja gleichfalls dem Zeitgeistdogma vom „Turbo-Ich“ unterworfen seien, das zusehends an die Stelle einer ausgeglichenen Persönlichkeit trete. Diese Doktrin erlege einem alle möglichen Rollen auf und noch dazu die Aufgabe, dabei Glück zu empfinden. „Das Fieseste, was man einem so miesepetrigen Wesen wie dem Menschen abverlangen kann“, fügt sie unter Beifall hinzu, „ist ja wohl, glücklich zu sein.“

Männer, irgendwie unkomplizierter

Durchaus typisch für Juli Zeh ist aber der männliche Protagonist ihres Romans. „Männer sind irgendwie unkomplizierter“, begründet sie ihre Wahl des anderen Geschlechts. „Und ich behalte mir damit eine Restbarriere vor.“ Eine Barriere vor reiner Bekenntnisliteratur also, obwohl Zeh einräumt, dass in ihre Bücher stets eigene Erfahrungen und Anschauungen, Gefühle und Traumata eingehen. Weshalb sie über die Romanfiguren auch wie über lebende Wesen spricht. Bei „Neujahr“, sagt sie, enthalte derart eigenes Erleben Hennings frühkindliches Trauma vom Alleingelassenwerden – im Roman ein Resultat der elterlichen Ehekrise, was seine Mutter ihm nie erläutert hat. „Ich dachte“, sagt die Mutter am Ende des Buches, „Vergessen sei eine Gnade.“

Reden hilft

Ist, genau umgekehrt, das Erinnern der Ausweg? „Den dunklen Keller zu belichten und beleuchten, das klingt erst mal gut“, sagt die Autorin. „Aber fraglich ist ja, ob wir so zur Realität zurückfinden oder das Erinnern nur eine weitere Geschichte ist.“ Doch auch ein bloßer Narrativ kann nützlich sein, Reden hilft. Henning eröffnen die Worte der Mutter ein Fenster zu einem neuen Selbstverständnis. „Wenn Henning mal mit seiner Frau geredet hätte“, sagt Juli Zeh und changiert damit selbst an diesem Abend, der mit langem Applaus und einer noch längeren Signierstunde endet, zwischen Fiktion und Realität, „dann hätte ich das ganze Buch nicht schreiben müssen.“

Am Mittwoch, 21. November, um 20 Uhr präsentiert der Historiker Hartmut Leppin sein Buch „Die frühen Christen“ im Literarischen Salon, der dann wieder im 14. Stockwerk des Conti-Hochhauses stattfindet.

Von Daniel Alexander Schacht

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