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Kultur Nico Semsrott: „Kabarett ist eine Gruppentherapie“
Nachrichten Kultur Nico Semsrott: „Kabarett ist eine Gruppentherapie“
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16:23 27.11.2018
Ein Herz für Nieten: Der Kabarettist Nico Semsrott.
Ein Herz für Nieten: Der Kabarettist Nico Semsrott. Quelle: Thomar Hopfgarten
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Hannover

Nico Semsrott kommt am Donnerstag nach Hannover. Im Interview berichtet er darüber, was die Politik vom Kabarett lernen kann.

Herr Semsrott, Sie sind gerade auf Tour. Was ist dabei die größte Herausforderung?

Überleben. Das meiste an so einem Touralltag macht mir überhaupt keinen Spaß. Zwei Stunden Demotivationstraining am Abend sind der einzige Höhepunkt davon. Die anderen 22 Stunden mache ich ungern.

Und wie verbringen Sie diese Zeit?

Warten. Zum Beispiel in hässlichen Hotels. Die haben so Namen, wie Zum Goldenen Hirschen, Zum Goldenen Löwen oder Zum Goldenen Schwan. Darunter kann sich ja jeder etwas vorstellen. Oder ich warte auf Regionalbahnhöfen.

Sie reisen mit der Bahn? Das macht Ihnen wahrscheinlich auch keinen Spaß.

Mir nicht. Mit einem anderen Naturell kann das auch Spaß machen. Das habe ich von Natur aus nicht, von daher finde ich das ganz schrecklich.

Neben Ihren Auftritten haben Sie Einspieler in der „Heute Show“, die dann auch bei Youtube zu sehen sind. Die werden natürlich kommentiert. Wissen Sie beim Schreiben schon, wie die Reaktionen darauf ausfallen könnten?

Das ist ein duales System, so als gibt es nur Einsen und Nullen – also sehr gut und sehr schlecht. Entsprechend ist mir egal, wie das kommentiert wird.

Gibt es denn Kommentare, die Sie tatsächlich treffen?

Das hängt von meiner Stimmung ab. Entscheidender ist für mich die direkte Reaktion im Publikum, weil das wie ein Gespräch ist. Was im Internet anonym passiert, ist mir egal. Mich interessiert ja auch nicht, was ein anderer Autofahrer hinter seiner Scheibe ruft.

Unter einige Ihrer Videos schreiben Fans, dass Sie ihnen nicht depressiv genug rüberkommen. Ist das nicht schräg?

Ach, ich finde das lustig. Ich mache ja auch Witze über meine Depression. Mein Motto war schon immer: „Darf man über Depressionen Witze machen? Nein, man muss!“ Von daher ist es doch super, wenn andere – auch eventuell depressive Menschen – das so kommentieren.

Warum passen Kabarett und Depression zusammen?

Weil es die Geschichte vom Allein-und-verzweifelt-Sein ist. Und das ist der Kabarettist genau so wie der Depressive. Beim Kabarettisten ist es so, weil er sich in der Gesellschaft nicht aufgehoben fühlt. Daran verzweifelt er –und das ist teils lustig, teils traurig. Deswegen ist jeder Kabarettabend eine Gruppentherapie.

Sie fühlen sich also politisch nicht aufgehoben?

Überhaupt nicht. Es gibt keine Politik, die Politik macht. Schlimmer kann es gar nicht sein. Wenn der Verfassungsschutzchef Lügen verbreitet, anstatt die Demokratie zu schützen , arbeitet er dagegen. Und wenn dann gesagt wird, dass er befördert wird, ist das eine Katastrophe. Völlig egal, wohin man guckt: Überall sagt diese Koalition: „Ist uns doch egal.“ Dieselaffäre, Hambacher Forst – da gibt es so viele Beispiele und nichts, wo ich mich aufgehoben fühle. Das trifft Ihr Hauptthema, das Scheitern.

Können Sie dabei von der Politik lernen oder die von Ihnen?

Als Demotivationstrainer kann ich denen noch was beibringen. Man scheitert umso leichter, je mehr man sich vornimmt. Die Formel für Scheitern ist „Wollen minus Können“.

Was heißt das in Bezug auf Politik?

Die Bundesregierung kann es auf jeden Fall noch weniger, als dass sie es will. Aber ich weiß noch nicht, ob sie es überhaupt will.

Gerade haben Sie einen „Kalender des Scheiterns“ herausgebracht. Was hat es damit auf sich?

Ich sehe uns als krasse Erfolgsgesellschaft. Wir stehen alle unter enormem Druck. Der Kalender ist dafür da, um sich jeden morgen ein historisches Ereignis des Scheiterns anzugucken. Dann startet man entweder mit einem Entlastungslachen in den Tag. Oder es zeigt sich grundsätzlich, dass wir alle scheitern und dass es auch normal ist. So möchte ich etwas Druck herausnehmen.

Von Manuel Behrens