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Nachrichten Kultur Witwendramen mit den Thalbachs
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00:15 26.09.2018
Witwen mit Witzen: Anna, Katharina und Nellie Thalbach (von links nach rechts) lesen „Witwendramen“ von Fitzgerald Kusz. Quelle: Michael Wallmüller
Hannover

Dass es lustige Witwen, aber kaum lustige Witwer gibt, sagt ja auch einiges über das Verhältnis der Geschlechter. Viele Frauen, so scheint es, empfinden das Hinscheiden ihres Gemahls als Befreiung. Vom Witwentum, diesem Lebensabschnitt, der tränenreich beginnt, sich dann aber auch ganz schön aufheitern kann, erzählten jetzt die Schauspielerinnen Katharina, Anna und Nellie Thalbach (Mutter, Tochter, Enkelin) im Theater am Aegi. „Witwendramen“ hieß das aus kleinen Dialogen, Witzen, Todesanzeigen und Selbstauskünften berühmter Witwen zusammengewürfelte Programm des Dramatikers Fitzgerald Kusz.

Katharina Thalbach thront im Zentrum

Im Zentrum – und in der Mitte des mit zerknitterten schwarzen Tüchern eher notdürftig drappierten langen Tisches – thront Katharina Thalbach. Sie ist die leidenschaftlichste der drei Schauspielerinnen. Auch wenn die anderen reden, spielt sie. Sie lauscht interessiert, zieht Grimassen, schüttelt sich, stöhnt und schlägt sich mit der flachen Hand an die Stirn. Und wenn sie das Wort hat, ist sie automatisch der Mittelpunkt des Geschehens.

Genüsslich dehnt sie die Vokale, und wenn sie einen Schnaps kippt (mehrere „Kleine Feiglinge“ werden an diesem Abend geleert) macht sie „Aaargh“ und lässt sich das Zeug dabei direkt auf die Stimmbänder laufen. Die haben auch schon eine Menge aushalten müssen: Katharina Thalbach entstammt einer Theaterfamilie, ihr Vater war der Regisseur Benno Besson, ihre Mutter die Schauspielerin Sabine Thalbach. Schon im Alter von vier Jahren spielte Katharina Thalbach in Filmen mit. Helene Weigel (die Witwe von Bertolt Brecht) hat sich um ihre Schauspielausbildung gekümmert.

Keine Angst, die eigene Karikatur zu werden

Diese lebenslange Nähe zum Theater merkt man der Thalbach an. Sie pflegt ihr Markenzeichen, diese charakteristisch quäkende Stimme. Sie trötet und tremoliert, nölt und greint, knarrt und gurrt, quiekt und quietscht. Offensichtlich hat sie keine Angst, ihre eigene Karikatur zu werden. Aber das gehört eben zum alten Theater: immer noch ’ne Schippe mehr druff, immer nochmal mit’m dicken Quast rin in’ Farbtopf. Aber, was soll man sagen: Das hat was. Das hört sich gut an. Und die Texte können durchaus Farbe vertragen.

Katharina Thalbach (rechts) trötet und tremoliert, nölt und greint, knarrt und gurrt, quiekt und quietscht –und hat keine Angst, ihre eigene Karikatur zu werden. Quelle: Michael Wallmüller

Tochter Anna kann das alles auch. Sie wäre auch so eine Lautsprecherin, wenn sie denn wollte (eine gewisse Familienähnlichkeit in der Stimmfarbe ist durchaus auszumachen). Aber sie will nicht. Sie arbeitet eher mit dem Fineliner. Auch gut. Enkelin Nellie übt noch. Sie liest und spricht ganz ordentlich, aber sie demonstriert eben auch wie das ist, wenn eine Schauspielerin erst ganz am Anfang der Karriere steht und noch nicht so viel Erfahrung mit dem Sprechen auf der Bühne gemacht hat. Das ist alles ganz in Ordnung. Aber dieses Übergeschnappte, dieser Mut zum Wahnsinn und diese feine Antenne für das, was das Publikum will, das fehlt ihr noch.

Was will das Publikum? Lachen!

Und was will das Publikum? Lachen! Dazu gab es bei dieser anderthalbstündigen Lehrstunde in Schauspielhandwerk reichlich Gelegenheit. Autor Fitzgerald Kusz, der in den siebziger Jahren mit seinem Volksstück „Schweig, Bub!“ berühmt wurde, scheut in seiner Materialsammlung zu traurig-lustigen Figur der Witwen auch vor Witzen nicht zurück. Was ist ein Mann in Salzsäure? Ein gelöstes Problem. Haha. Was unterscheidet einen Mann von einem Joghurt? Der Joghurt hat Kultur. Aha. Undsoweiter. Nicht immer ist das geschmackssicher, aber das muss man beim Witzeerzählen ja auch nicht sein.

Schlimmer als die Passagen aus der Witzesammlung ist allerdings der Monolog einer Witwe, die von einem Handwerker vergewaltigt wird. Der Mann ist 15 Jahre jünger als sie, sie wehrt sich gegen seine Zudringlichkeiten; aber Katharina Thalbach spielt mit vielen „Hachs“ und „Huchs“ eben auch die Lust daran, begehrt zu werden.

Das soll komisch sein, und die Zuschauer lachen auch. Aus einer Vergewaltigungssituation so einen billigen Sketch zu schnitzen, ist allerdings recht fahrlässig. Aber so ist das mit Profischauspielerinnen, die schon sehr lange im Geschäft sind: Für einen Lacher vergessen sie vieles.

Theater im Theater am Aegi gibt es wieder vom 11. bis 13.Oktober. Dann sind Joanna Semmelrogge, Manon Straché, Jan Felski und Andreas Werth in Florian Battermanns Inszenierung von Leonard Gershes Komödie „Schmetterlinge sind frei“ zu sehen.

Von Ronald Meyer-Arlt

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