Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Kestnergesellschaft zeigt Teresa Burga und Nevin Aladag
Nachrichten Kultur Kestnergesellschaft zeigt Teresa Burga und Nevin Aladag
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:18 02.12.2018
Erhellende Einsicht: „Work that disappears when the spectator tries to approach it“ von Teresa Burga in der Kestnergesellschaft.
Erhellende Einsicht: „Work that disappears when the spectator tries to approach it“ von Teresa Burga in der Kestnergesellschaft. Quelle: Jens Ziehe
Anzeige
Hannover

Eine Frau lehnt an einer Bar, sie trägt einen hautengen Overall, wird von zwei Männern beäugt. „Ohne Titel“ heißt dieses Gemälde, das Teresa Burga mit großem, gestisch-expressivem Strich gemalt hat, ein Titel, der durchaus typisch für sie ist. Denn diese Künstlerin interessiert sich eher für den Typus als für das Individuum – bis hin zur Verleugnung der eigenen künstlerischen Handschrift.

Dass sie dabei dennoch ganz eigene und höchst aktuelle Akzente setzt – das lässt sich jetzt in der Kestnergesellschaft besichtigen, die die seit mehr als einem halben Jahrhundert künstlerisch aktive Peruanerin in der größten Werkschau würdigt, die es jemals von ihr in Deutschland zu sehen gab.

„Social Fabric“ – Nevin Aladags Kunstgewebe

Die Berliner Künstlerin, deren Fotoserie „Best Friends“ zeitgleich mit der Roman-Signer-Werkschau in der Kestnergesellschaft zu sehen war, zeigt nun ihre Collagen aus Teppichen als Dokumente sozialen Miteinanders – und dazu ihre Videos „City Language 1“ über die Stadt Istanbul sowie die tänzerischen Auftritte von „Top View“. Die „Best Friends“ laufen jetzt parallel auf einem Monitor.

„Aleatory Structures“ heißt dieseAusstellung, zufällige Strukturen also. Auch dieser Titel ist bezeichnend für Teresa Burga, er zeugt von der Ironie einer Künstlerin, deren Lebensthema gerade der gar nicht zufällige Zwang der Verhältnisse ist. Sie nimmt sich in ihren Werken soziale Zustände vor, die Diskriminierung von Frauen, Armen und ganzen Volksgruppen, in Peru nicht zuletzt der indigenen Bevölkerung. „Das ist eine Prostituierte“, sagt Teresa Burga über die Frau an der Bar. Und wie da Weiblichkeit als Objekt von Voyeurismus, Kalkül und Ausbeutung kenntlich wird, so treffen auch die sonstigen Sozialverhältnisse auf den kritischen Blick dieser Künstlerin.

Das Bild ist 1965 entstanden, in einer Zeit, da Teresa Burga noch selbst den Pinsel in die Hand genommen hat. Wenig später hat die Absolventin der Chicago School of Arts, die sich bis dahin in der Arte Nueva, eine lateinamerikanischen Variante der Pop Art, ausprobiert hatte, von der damals vorherrschenden Kulturströmung Abschied genommen. Und ist von der Pop-Artistin zu einer der Wegbereiterinnen der Konzeptkunst in ihrer Heimat geworden.

„Ich liebe Provokationen“

Wie radikal dieser Abschied war, lässt sich daneben besichtigen. Dort ist Burgas Arbeit „Autorretrato“ zu erleben, ein „Selbstporträt“ von 1972. „Alle haben damals ein Gemälde erwartet – und waren irritiert“, sagt Teresa Burga und fügt hinzu: „Ich liebe Provokationen“. Und eine Provokation ist dieses Selbstporträt zweifellos, denn es besteht aus einer Rauminstallation ihrer Medizindaten, von Labordokumenten des Blutzuckerspiegels bis zu einer Licht- und Toncollage, die laut pulsend und rot aufflackernd, das Elektrokardiogramm ihres Herzschlags abbildet.

Statt künstlerischer Subjektivität der Objektivismus der Biometrie, eine Selbstentblätterung im Dienste der Datenerhebung. Das wirkt heute - in einer Zeit, in der Information als „Erdöl des Digitalzeitalters“ gilt und solche Daten bei Versicherungen, Marktforschern, Rationalisierern und Prozessoptimierern heißbegehrt sind - höchst aktuell. „Information“, sagt Burga, die diese Einsicht schon vor einem halben Jahrhundert hatte, „ist Macht.“

„Geschichte anders erzählen“

Ganz erstaunlich nah wirkt die 83-jährige Künstlerin, die ihr Werk fernab traditioneller Hochburgen des westlichen Kunstbetriebs wie New York, London oder Paris geschaffen hat, damit den aktuellen Debatten um Kunst und Gesellschaft. Gar nicht erstaunlich ist es daher, dass Kestnergesellschaftsdirektorin Christina Végh diese Schau auch als Akzent gegen ein eurozentrisch verengtes Kunstverständnis sieht. „Darin liegt die Chance, neue Geschichten zu entdecken – und die Geschichte von Kunst und Gesellschaft anders zu erzählen.“

Dass man bisweilen besser auf Distanz zu (Kunst-)Zentren geht, gleichsam einen Schritt zurücktritt, um sich einen Überblick zu verschaffen, um sozusagen das ganze Bild in den Blick zu bekommen – das macht Teresa Burga mit einer Arbeit erfahrbar, die einfach einhält, was ihr Titel verspricht: Wer sich „Work that disappears when the spectator tries to approach it“ nähert, durchbricht dabei Lichtschranken, und hört die Relais klacken, die die Glühbirnen dieser 1970 konzipierten der Lichtinstallation ausschalten. Wer sich dieser Kunst nähert, steht also bald im Dunkel. Und kann daraus erhellende Einsichten gewinnen.

„Teresa Burga: Aleatory Structures“ und „Nevin Aladag: Social Fabric“. Bis 3. Februar 2019 in der Kestnergesellschaft, Goseriede 11. Die Ausstellungen starten im Beisein beider Künstlerinnen mit einer Eröffnungsparty am Freitag um 18.30 Uhr. Eine Podiumsdiskussion über den Eurozentrismus, die Verengung des Kunstfokus auf Europa und Nordamerika, findet am 31. Januar 2019 um 18.30 Uhr in der Kestnergesellschaft statt.

Von Daniel Alexander Schacht

28.11.2018
27.11.2018