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Kultur Das große Leiden: William Fitzsimmons im Capitol
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Konzert in Hannover: William Fitzsimmons im Capitol

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00:17 01.06.2019
„Die Lieder klingen ja alle gleich“: William Fitzsimmons im Capitol – mit Selbstironie.
„Die Lieder klingen ja alle gleich“: William Fitzsimmons im Capitol – mit Selbstironie. Quelle: Nancy Heusel
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Hannover

Ein ungeschriebenes Gesetz besagt, dass jeder Singer-Songwriter mindestens ein Album herausbringen muss, in dem eine schmerzliche Trennung verarbeitet wird. „Mission Bell“ heißt das aktuelle Album von William Fitzsimmons, es ist im letzten Jahr erschienen und nach „The Sparrow and the Crow“ von 2009 schon sein zweites Trennungsalbum. Im Capitol spielt er am Dienstagabend einige Lieder aus beiden. „Distant Lovers“ zum Beispiel, oder „I don‘t feel it anymore“.

„Jede Beziehung, die ich anfasse, geht irgendwann kaputt“, sagt Fitzsimmons auf der Bühne und prostet dem Publikum mit einer Bierflasche zu. „Ich bin im Moment also Single. Wenn jemand hier Interesse an einem kaputten Typen mit zwei Kindern hat: Stellt euch nach der Show einfach an.“

Das Publikum schweigt

Genauso kompromisslos ehrlich, wie Fitzsimmons sich gibt, so brutal kitschig ist seine Musik, das allerdings bei großem Minimalismus: Songs aus Krankenzimmern, aus verbrennenden Städten, Songs von Traumabewältigung, Trennung und Depression, die von zerbrechlichem Gitarrengezupfe und reichlich Hall auf der Stimme getragen werden.

Adam Landry, der „Mission Bell“ auch produzierte, unterstützt mit einer punktuell gesetzten E-Gitarre oder einem Keyboard, das höchste der Gefühle ist hier und da ein eingespieltes Streicherbett. Das sehr überschaubare Publikum im Capitol – der Balkon ist nicht geöffnet – schweigt während der Lieder, Paare klammern sich aneinander, wer alleine ist klammert sich ans Getränk.

Drummer hatte Affäre mit seiner Frau

Nach den Stücken wird zwar enthusiastisch geklatscht, dennoch: Fitzsimmons spielt das Capitol traurig, gerade auch, wenn er noch die passenden Geschichten zu seinen Liedern erzählt. Zum Beispiel, dass er „Mission Bell“ einmal komplett neu aufnehmen musste, weil er während der Aufnahmen zur ersten Version des Albums herausfand, dass sein Drummer eine Affäre mit seiner Frau hatte, womit das Album sogar ein Trennungsalbum im doppelten Sinn ist. Oder dass „17+ Forever“ ein Lied über eine Frau ist, die Fitzsimmons während seiner Erstkarriere als Psychologe kennenlernte und die, wie er sagt, „den Kampf gegen die Geisteskrankheit verloren hat“.

Am Ende spielt er mitten im Publikum

Nun gibt es Singer-Songwriter in der Variante „Trauriger Mann mit Gitarre“ im Dutzend billiger – kaum einer davon dürfte allerdings so brutal ehrlich mit sich selbst sein wie Fitzsimmons und gleichzeitig so sympathisch dabei. Denn zwischen den traurigen Liedern gibt es oft auch lustige Ansagen: „Ich sage mal lieber, wie das nächste Lied heißt, die klingen ja alle gleich“, sagt er einmal – und spielt als Auflockerung auch mal ein Backstreet-Boys-Cover.

Das große Leiden: William Fitzsimmons spielt im Capitol in Hannover

Zwischen den traurigen Liedern gibt es oft auch lustige Ansagen: „Ich sage mal lieber, wie das nächste Lied heißt, die klingen ja alle gleich“, sagt er einmal. So legt sich manchmal Lachen über die Stille im Publikum – allerdings nur, damit die Stille wieder größer wird: Am Ende klettert Fitzsimmons von der Bühne, stellt sich mitten im Publikum auf, spielt in die konzentrierte Stille im Saal seinen bekanntesten Song „Passion Play“ und beweist mit „You Are My Sunshine“, dass wirklich jedes Lied, das er anfasst, traurig klingt. Den Abend im Capitol beschließt Fitzsimmons zusammen mit der Vorband Jim and Sam und einem Cover von Fleetwood Macs „Everywhere“.

Von Jan Fischer