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13:04 30.12.2018
Jan „Monchi“ Gorkow von Feine Sahne Fischfilet in der Swiss Life Hall.
Jan „Monchi“ Gorkow von Feine Sahne Fischfilet in der Swiss Life Hall. Quelle: Nancy Heusel
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Hannover

Sänger Monchi ist ein Malochertyp. Der 31-Jährige wirkt wie ein Bär auf der Bühne. Jeder Schritt, jede Bewegung hat Wucht. Wenn er die Hand mit dem Mikrofon darin zur Faust ballt und in die Luft streckt, erwartet man, dass er sein Arbeitsgerät jeden Moment zu Krümeln pulverisiert. Neben Gitarrist Christoph Sell ist er einer von zwei Sängern in seiner Band Feine Sahne Fischfilet. Monchi aber singt nicht nur. Wie ein Hardcore-Fan im Fußballstadion peitscht und feuert er seine Band und vor allem das Publikum an. Das funktioniert: „Heute reißen wir die Halle ab“, ruft er. Nicht viel weniger als das passiert. Bengalos werden gezündet, fast die ganze Mehrzweckhalle tanzt. Und der Sänger redet, er nimmt sich Zeit für seine Ansagen, die er jedes Mal mit „Digga“ beginnt.

Die Punkrockband Feine Sahne Fischfilet war in der ausverkauften Swiss Life Hall zu Gast.

 

In einem anderen Leben hätte der Vorpommer auch Animateur auf einem Kreuzfahrtschiff, Libero in einem technisch unversierten, aber tapferen Fußballteam oder Kumpel in einer Zeche werden können. Monchi ist einer, der immer alles gibt. Der Animateur, mit dem man nach dem Turnier gerne noch ein Bier trinkt. Oder fünf. Der Fußballspieler, der auch dann über den Ascheplatz grätscht, wenn er nur einen Einwurf verhindern will. Der Kumpel, der die Stellung hält, auch wenn es brennt.

Deutschlands linke Prügelknaben

In seiner Punkrock-Band Feine Sahne Fischfilet kann er diese Eigenschaften vereinen. Bürgerlich heißt Monchi Jan Gorkow. Die Band, die in den letzten Jahren wie kaum eine andere deutsche Gruppe für Aufsehen gesorgt hat, hat ein spezielles Verhältnis zur Bürgerlichkeit. In der Öffentlichkeit wird Feine Sahne Fischfilet bis heute als linksradikale Punkkapelle wahrgenommen. Vor einigen Jahren wurde die Band wegen „explizit anti-staatlichen Haltung“ im Verfassungschutzbericht des Landes Mecklenburg-Vorpommern erwähnt. Im Nachhinein war das unfreiwillige PR der Behörde, die den Aufschwung der sechs Musiker erst in Gang brachte. Anfang November sollte Feine Sahne Fischfilet zum Bauhaus-Jubiläum in Dessau auftreten. Doch die Stiftung Bauhaus sagte die Veranstaltung ab, nachdem rechte Gruppierungen gegen den Auftritt mobil gemacht hatten.

Das Positive sehen, Kopf hoch, malochen

Politisch ist die Band seit ihrer Gründung: Auf den fünf Alben, die die Band seit 2009 veröffentlicht hat, singt sie gegen Fremdenhass, Rechtsradikale, Homophobie und für Freundschaft und Solidarität – klassische Punkthemen. Die rotzige Instrumentierung aus Gitarre, Schlagzeug und Bläsern geht mit den unverschnörkelten Texten Hand in Hand. Bei Feine Sahne Fischfilet steht die klare Ansage über der verschwurbelten Metapher: „Wir haben's verteidigt, bauen's gemeinsam wieder auf, es bleibt dabei: Du wirst nie verlieren, solang ihr an euch glaubt”, heißt es etwa im Song „Suruc” den Gorkow nach einem Besuch in einem Lager für Bürgerkriegsflüchtlinge in Syrien schrieb.

Die Zeile trifft ziemlich genau den Kern der Band: Das Positive sehen, Kopf hoch und malochen. Das Konzert in Hannover ist das letzte der Tour. Und so hat die Band zahlreiche Freunde aus Vorpommern mitgebracht, die nacheinander auf die Bühne geholt werden. „Digga, das sind geile Leute, die geile Sachen machen“, sagt Gorkow.

Vor fünf Jahren Café Glocksee – heute Swiss Life Hall

Und weil nur Politik auf Dauer anstrengend wäre, kommt auch Party bei Feine Sahne Fischfilet nicht zu kurz: „Alles auf Rausch“ ist nicht umsonst der Name der Tour. Diese Einstellung scheint auch ein Publikum anzusprechen, das nicht unbedingt mit Punk sozialisiert wurde. Immerhin hat Feine Sahne Fischfilet auf dem Weg nach oben einige Clubgrößen übersprungen. Vor gut fünf Jahren spielte die Band im muckeligen Café Glocksee, nun füllte die Punkband die Swiss Life Hall bis auf den letzten Platz.

Auf der anderen Seite sind Feine Sahne Fischfilet auch eine bürgerliche Band: Gorkow und seine Mitstreiter, alle aus dem Rostocker Umland, singen über Heimat und ihre Verbundenheit dazu. Mit „Modestadt Düsseldorf” haben das in den Achtzigerjahren auch die Toten Hosen getan, allerdings mit einer großen Portion Ironie. Bei Feine Sahne Fischfilet ist auch ihre Verwurzelung politisch gemeint: In den Anfangsjahren der Band hatten Neo-Nazis Konzerte der Band attackiert, unter anderem mit Brandsätzen. Auf Konzertfotos wurde das Publikum von der Band verpixelt, um die Fans nicht in Gefahr zu bringen. Dass die Rechten in diesem Teil des Landes immer präsent und laut waren, hat die Musiker geprägt. Bis heute spielen Feine Sahne Konzerte in abgelegenen Teilen Deutschlands, um der Jugend Hoffnung zu machen: Ihr seid nicht allein und Heimat ist, was ihr draus macht. Dafür muss man allerdings malochen.

Von Manuel Behrens

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