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Kultur Kunsthalle Bremen zeigt Bilder von Hans Christian Andersen
Nachrichten Kultur Kunsthalle Bremen zeigt Bilder von Hans Christian Andersen
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00:18 03.11.2018
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Bremen

Da gibt es die Silhouette einer Moschee mit vier Minaretten. Da ist eine Flasche, in die geistergleich Ballerinen gebannt scheinen. Oder auch das Motiv eines Mannes, der eine Landschaft mit Kirchturm, Windmühle und Schwan auf dem Kopf trägt. Lauter Szenen, die von teils exotischen, teils märchenhaften, teils kindlichen Lebenswelten zeugen.

Auf den Kopf gestellt

So wird hier die Welt bisweilen im Wortsinn auf den Kopf gestellt. Dabei sind diese Bilder durchweg der wirklichen Welt abgeschaut - der Realität einer Kindheit auf der dänischen Insel Fünen, von Lehrjahren in Kopenhagen und von vielen Reisen durch Europa und bis ins Osmanische Reich. Dass Hans Christian Andersen (1805-1875), bekannt für Kunstmärchen wie „Des Kaisers neue Kleider“ oder „Die kleine Meerjungfrau“, „Die Schneekönigin“ oder „Die Prinzessin auf der Erbse“, all diese Stationen durchlebt hat, weiß man schon. Weniger bekannt ist, dass er sie auch literarisch, teils in seinen populären Märchen, teils in Novellen und Reiseberichten verarbeitet hat. Und dass er nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als bildender Künstler tätig war, hat wohl kaum einer parat.

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Das könnte eine Ausstellung ändern, die die Kunsthalle Bremen dem dänischen Dichter widmet. „Hans Christian Andersen. Poet mit Feder und Schere“ heißt die Schau, die jetzt in der Hansestadt zu sehen ist. Dass die bildnerischen Werke eines Künstlers, dessen Märchen in 150 Sprachen übersetzt wurden und der bis heute zu den meistgelesenen dänischen Autoren zählt, noch eine Entdeckung sind, liegt daran, dass Andersen selbst seine Bilder nie publiziert, sondern sie nur im privaten Freundeskreis verschenkt hat. Der Bremer Kunsthistoriker Detlef Stein, der zusammen mit Anne Buschhoff die Ausstellung kuratiert, hat Zeugnisse von Andersens Bildkunst in dessen Geburtsstadt Odense auf Fünen entdeckt. Die Leihgaben dieser Kunstschau stammen aus dem dortigen Stadtmuseum sowie dem Museum Jorn im dänischen Silkeborg.

Andersen, der Performer

Anhand von 150 Exponaten dokumentiert die Schau - die größte Präsentation des Dichters, die es jemals in Deutschland gegeben hat - dessen Welt. Und darin zeugen 64 Originale von Andersens großer Weltläufigkeit und seiner überraschenden Modernität. Schließlich hat er nicht nur figurativ gezeichnet, sondern auch Scherenschnitte, Montagen und Collagen kombiniert, fast wie ein Künstler der Avantgarde, ein Zeitgenosse von Hanna Höch, Kurt Schwitters oder Pablo Picasso. Als Zeitzeugin wird in der Ausstellung überdies die Tochter des Münchner Malers Wilhelm Kaulbach mit den Worten zitiert, man habe „atemlos gelauscht“, wie Andersen zugleich erzählt und seine Scherenschnitte angefertigt habe – und mit beidem zeitgleich zur Vollendung gelangt sei. Der Dichter war also auch noch ein Performance-Künstler, der bei Dada-Soireen eine gute Figur gemacht hätte. „Dies ist eine Offenbarung“, sagt Kunsthallen-Direktor Christoph Grunenberg, „die Entdeckung eines großen Mannes in der Kunst.“

Zu entdecken ist da auch, wie weit man als Kind aus der Provinz kommen kann. Schließlich ist Andersen als Sohn eines armen Schusters und einer alkoholkranken Wäscherin zur Welt gekommen und hat sich nach dem Tod des Vaters schon mit 14 Jahren als Schauspieler in Kopenhagen durchzuschlagen versucht. Glück und Geschick bescherten ihm einen weiteren Bildungshorizont, und bei seinen 30 großen Reisen erwarb er sich jene Weltgewandtheit, die auch seinen Bildern anzumerken ist.

Vor 175 Jahren besuchte er auch den Kunstverein in Bremen und äußerte sich mit Wohlgefallen über die Hansestadt: „Bremen tauchte als Oase auf, das machten die freundlichen Gesichter, die ich dort traf.“ Die Andersen-Schau, immerhin die größte Präsentation des Dichters, die es jemals in Deutschland gegeben hat, stößt auch weiterhin auf dänisches Wohlgefallen: Als Schirmherrin der Ausstellung war Prinzessin Benedikte zu Dänemark bei der Eröffnung präsent – schließlich gilt Andersen in seiner Heimat bis heute als Ikone der Poesie.

Vorbild für die Pop-Ikone

Kein Wunder, dass dieses Wunder an künstlerischen Ausdrucksformen eine erhebliche Nachwirkung hatte, der die Bremer Schau allein zwei der sieben Ausstellungsräume widmet, weil Andersen Impulsgeber und Vorbild für viele andere Künstler war. Prominentestes Beispiel dafür sind die letzten Werke der Pop-Ikone Andy Warhol (1928-1987), der ein Foto des Dichters für ein schwarz-weiß-rotes verfremdetes Konterfei nutzte und Andersens Werke überdies als Vorlagen für eigene Multiples verwendete – darunter auch den Scherenschnitt jenes Mannes, der die Welt des Dichters auf den Kopf stellt.

Hans Christian Andersen. Poet mit Feder und Schere“. Bis 24. Februar 2019 in der Kunsthalle Bremen, Am Wall 207. Der gleichnamige Katalog (Wienand-Verlag, 304 Seiten, 32 Euro, in der Kunsthalle 29 Euro) wurde von Anne Buschhoff und Detlev Stein herausgegeben. Details zur Ausstellung und dem Begleitprogramm unter www.kunsthalle-bremen.de.

Von Daniel Alexander Schacht