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Landesmuseum Hannover: Goldene Tafel in neuem Glanz

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20:20 25.09.2019
„Ikone der Kultur“: Museumsdirektorin Katja Lembke und Minister Björn Thümler vor der Goldenen Tafel. Quelle: Tim Schaarschmidt
Hannover

Die Diebe kamen in der Dunkelheit. In der Nacht zum 7. März 1698 brachen der berüchtigte Räuber Nickel List und seine Bande in die Lüneburger Michaeliskirche ein. Skrupellos plünderten sie den prunkvollen Altaraufsatz, die Goldene Tafel. Unter anderem rissen sie jenes mit Goldblech überzogene Bild aus dem Ensemble, dem der Aufsatz seinen Namen verdankte.

Getarnt als Touristen hatten die Räuber die Kirche der alten Benediktinerabtei ausbaldowert: Der Kunstschatz war damals bereits eine Sehenswürdigkeit, die Besucher für einen Obolus bestaunen durften. Ausgerechnet der skandalöse Raub mehrte den Ruhm der Goldenen Tafel noch einmal beträchtlich. Bald kursierten überall Kupferstiche der „höchstberühmten Antiquität“ – und bis heute zählt der Flügelaltar zu den größten Kunstschätzen des niedersächsischen Mittelalters.

Spannweite: 7,32 Meter

Im Landesmuseum steht die frisch herausgeputzte Goldene Tafel, die 1851 nach Hannover kam, jetzt im Mittelpunkt der großen Ausstellung „Zeitenwende 1400“. Obwohl der Altaraufsatz seit Langem ein Prunkstück des Hauses ist, fungierte er dort in der Dauerausstellung bisher eher als ein verstaubter, schlecht ausgeleuchteter Raumteiler. Jetzt steht die Goldene Tafel frei im Ausstellungssaal. Für den Umzug des Kunstwerks (gesamte Spannweite: 7,32 Meter) mussten im Museum eigens Türen ausgebaut werden.

Ungeahnte Farbenpracht: Die Goldene Tafel zeigt Szenen aus dem Leben von Jesus und Maria. Quelle: Tim Schaarschmidt

Am neuen Platz erstrahlt die Tafel nun im neuen Glanz. Sechs Jahre lang haben Experten das mittelalterliche Prunkstück erforscht und restauriert – für mehr als eine Million Euro. Möglich wurde das Projekt durch eine konzertierte Aktion mehrerer Stiftungen, allein die Klosterkammer steuerte 345.000 Euro dazu bei. „Diese Ausstellung soll der Goldenen Tafel auch zu dem Platz in der Kunstgeschichte verhelfen, die ihr gebührt“, sagt Museumsdirektorin Katja Lembke. Der Flügelaltar sei eine „Ikone der Kultur“, befand auch Kulturminister Björn Thümler bei der Präsentation der Ausstellung.

Prachtvoll illustriert: Messbuch aus Paris, um 1405. Quelle: Tim Schaarschmidt

Tatsächlich schufen vor rund 600 Jahren Schreiner, Schnitzer und Maler von internationalem Rang einen mittelalterlichen Bilderkosmos, der seinesgleichen sucht. Wie in einem Comicstrip zeigen 36 Darstellungen Szenen aus dem Leben von Jesus und Maria. Restauratoren haben die Bilder gereinigt und Fehlstellen behutsam ergänzt. Die Farben haben dadurch eine ungeahnte Strahlkraft gewonnen – bei der Geißelung Christi etwa ist jetzt jeder Bluttropfen zu erkennen. Die Skulpturen, die ehedem teils fast schwarz erschienen, haben die Experten in akribischer Kleinarbeit mit moderner Lasertechnik gesäubert.

Vorher – nachher: Eine Skulptur aus der Goldenen Tafel vor und nach der Restaurierung. Quelle: Kerstin Schmidt/Landesmuseum Hannover

Überraschende Ergebnisse

Mit den klassischen Methoden der Kunsthistoriker kamen die Wissenschaftler bei der Erforschung der Goldenen Tafel nicht weiter. Stattdessen rückten sie dem Altar mit Röntgenstrahlen und dendrochronologischen Holzuntersuchungen zu Leibe – Expertisen, die sich mit dem Prozess der Holzalterung beschäftigen. Am Ende standen überraschende Ergebnisse: Bisher glaubten einige Fachleute, die Tafel sei bereits um 1390 entstanden. Die Holzdatierung ergab aber, dass diese vermutlich erst um 1422 erschaffen wurde. Die Skulpturen wurden dabei so passgenau für den Aufsatz angefertigt, dass sie wohl kaum, wie bislang oft angenommen, aus den Niederlanden importiert worden sein können. Und Infrarottechnik brachte unter der Malerei verborgene Vorzeichnungen ans Licht: Offenbar waren bei der Tafel verschiedene Maler am Werk.

Neuer Glanz: Die Goldene Tafel im Landesmuseum. Quelle: Tim Schaarschmidt

Mit Leihgaben aus Köln und Washington, aus Lübeck, Amsterdam und München zeigt die Ausstellung, in welchem Kontext die Tafel entstand. Zu sehen sind Gemälde, Handschriften und prachtvolle Skulpturen. Ein Messbuch, angefertigt in Paris um 1405, zeigt eine farbenprächtige Kreuzigungsszene. Überall in Europa setzte sich damals eine neue Bildsprache durch, die Kunst fand zu einer neuen Blüte.

„Ein großer Tresor“

„Die Goldene Tafel war auch ein großer Tresor“, sagt Kuratorin Antje-Fee Köllermann. In ihrem Innenleben verbarg sich ein Schatz, den das traditionsreiche Lüneburger Michaeliskloster über Jahrhunderte zusammengetragen hatte. Wie in einem frommen Setzkasten fanden sich hinter den aufklappbaren Altarflügeln eine Sammlung von kostbaren Reliquiaren mit Knöchelchen von Heiligen, aber auch Kuriositäten wie Straußeneier und Koranverse, niedergeschrieben auf Baumwolle im Bagdad des zehnten Jahrhunderts.

Diese Schätze wurden zuletzt im Museum August Kestner verwahrt. In der Ausstellung sind sie jetzt erstmals seit Jahren wieder gemeinsam mit der Goldenen Tafel zu sehen. Das Landesmuseum hat sie als Dauerleihgabe für zunächst zehn Jahre übernommen. So vermittelt die Schau einen imposanten Eindruck davon, wie das mittelalterliche Gesamtkunstwerk wirkte, ehe Nickel List und seine Räuber es plünderten. Der Coup brachte der Bande indes kein Glück: Die Täter wurden gefasst und im Jahr darauf hingerichtet.

Bis zum Februar im Landesmuseum

Zeitenwende 1400 – die Goldene Tafel als europäisches Meisterwerk“ ist im Landesmuseum bis zum 23. Februar 2020 zu sehen. Das Dommuseum Hildesheim zeigt bis zum 2. Februar eine Partnerausstellung über Hildesheim als europäische Metropole. Der reich bebilderte Katalog kostet 19,90 Euro. Weitere Informationen unter Telefon (0511) 9807686.

Von Simon Benne

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