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Kultur Corinna Harfouch liest „Die Nachtigall des Zaren“
Nachrichten Kultur Corinna Harfouch liest „Die Nachtigall des Zaren“
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00:15 01.04.2019
„Oh, sind wir schon in England angekommen?“ Corinna Harfouch mit Stefan Maass (links), und Hubert Wild im Schauspielhaus.
„Oh, sind wir schon in England angekommen?“ Corinna Harfouch mit Stefan Maass (links), und Hubert Wild im Schauspielhaus. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Die Szenerie ist denkbar reduziert: vier Stühle, drei Notenständer – allesamt schwarz. Auch Corinna Harfouch, Hubert Wild und Stefan Maass tragen Schwarz. Es bleibt dunkel auf der Bühne, als die bekannte Schauspielerin mit ihrer markant tiefen Stimme die ersten Zitate aus dem Leben Filippo Balatris verliest – erst zum zarten Gesang des Countertenors Wild hüllt sich die Bühne in sanftes Licht. Was so ruhig, fast bedächtig beginnt, wird 90 Minuten später mit einem trampelnden, euphorischen Applaus im Schauspielhaus enden.

Quer durch die menschlichen Merkwürdigkeiten

Es ist die faszinierende Biografie des im 17. Jahrhundert gefeierten Sopranisten Filippo Balatri, die Corinna Harfouch an diesem Abend zum Leben erweckt. Balatri, im Alter von elf Jahren für die Kunst kastriert, und mit 17 Jahren von seinem Vater als menschliches Geschenk an den Zaren Peter der Große verschickt, hat der Nachwelt detaillierte Aufzeichnungen seiner Reisen hinterlassen. Von Pisa nach Moskau, von Lyon nach London, von Düsseldorf nach München – quer durch die Kulturen, Künste und menschlichen Merkwürdigkeiten hat es den Sänger geführt. „Er hat einen fantastischen Humor gehabt“, sagt Harfouch.

Die 64-Jährige, die für ihre Theater-, Film- und Fernsehproduktionen zigmal ausgezeichnet wurde, beschränkt sich nicht auf eine Lesung. Sie verzichtet bewusst darauf, durchgängig aus dem Buch „Die Nachtigall des Zaren“ von Christine Wunnicke, die die berührenden, aber auch bissigen Aufzeichnungen Balatris aufgearbeitet hat, zu lesen. Vielmehr wechselt Harfouch zwischen Rezitatorin, Erzählerin und Schauspielerin.

Fernab von Perfektionismus

Sie lacht herzhaft über Balatri, der in schwülstigen Beschreibungen seine Liebe zu „Bella Anna“ verpackt und dabei offensichtlich bis zu seinem Tod nicht gemerkt hat, dass diese die Maitresse des Zaren war und später als „deutsche Hure“ in die Geschichte einging. Harfouch tanzt als junges Mädchen einer französischen Gesellschaft, rammt im nächsten Moment ihren Stuhl lautstark auf die Bühnenbretter, um die Nebengeräusche in einem Londoner Theater nachzuahmen. Überragend parodiert sie russische und bayrische Mundarten, spielt mit Gedankenpausen, um dann überraschende Zitate zu platzieren. „Jede Woche überfrisst sich ein Bayer tödlich“, schrieb Balatri. Mehrere Seiten mit einer Auflistung der bayerischen Essgewohnheiten fügte er als Beweis an, ergänzt Harfouch. Das Publikum kreischt vor Lachen – nicht das einzige Mal an diesem Abend.

So pointiert Harfouch die Lesung auch bestreitet: Perfektionismus liegt ihr fern. Dass ihr beim Tanz Hubert Wild in den Rock tritt und dieser zu Boden rutscht – sei es drum. Manche Textpassage haspelt und hakt, Harfouch verblättert sich – „oh, sind wir schon in England angekommen?“, fragt sie. „Naja, da reist er dann hin, und jetzt ist er da“. Kurze Zusammenfassung der ignorierten Seiten, ein charmantes Lächeln, weiter geht’s. All das unterstreicht nur: Harfouch lässt sich vom Stoff Balatris begeistern – und begeistert damit.

Urkomische Harmonie

In Hubert Wild hat Harfouch einen brillanten Gegenpart auf der Bühne gefunden: Die Barock-Arien fiepst und trällert der Countertenor pathetisch dahin. Wild und Harfouch harmonieren, haben obendrein eines gemein: Ihre Mimik ist urkomisch. Die Grimassen, die hilflosen Blicke, das irritierte Aufreißen der Augen – das wahre Schauspiel zeigt sich an diesem Abend in den Gesichtern der beiden Künstler. Dass sich Stefan Maass, der an der Laute mit Stücken von Händel, Vivaldi und Purcell in die Zeit Balatris entführt, im Hintergrund hält, ist gut. Dass das schlichte Bühnenbild nichts zu sagen hat, nicht weniger. Denn bei der überwältigenden Präsenz, die Harfouch und Wild auf die Bühne legen, wäre alles Weitere zu viel gewesen.

Von Carina Bahl