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Kultur „Welcome to Sodom“: Europas größte Elektro-Müllhalde liegt in Afrika
Nachrichten Kultur „Welcome to Sodom“: Europas größte Elektro-Müllhalde liegt in Afrika
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00:16 01.03.2019
Awal Mohammed ist der Herr der Feuerstelle in Sodom. Dort brennt er im Feuer die Isolierungen von Kupferkabeln ab. Quelle: Blackbox Film & Medienproduktion GmbH
Hannover

Pechschwarze Rauchsäulen versperren den Blick gen Himmel. Elektroschrott türmt sich bedrohlich vor Kindern auf. Überall ist Feuer. Chaos. Ein dunkles, anhaltendes Grollen liegt in der Luft. Der Boden ist verseucht, das schwarze Wasser im einzigen Bachlauf hochgiftig. Es braucht nur wenige Bildsequenzen, und das Ende der Welt scheint erreicht. Apokalyptische Szenen – irgendwo in Afrika.

6000 Menschen arbeiten und leben auf der Halde in Sodom

„Sodom“ nennen die rund 6000 Menschen, die hier leben und arbeiten, diesen dystopischen Ort mitten in der Millionenmetropole Accra in Ghana. Im Alten Testament ist Sodom die Stadt der Sünder. Im Dokumentarfilm „Welcome to Sodom – Dein Smartphone ist schon hier“ ist es andersherum. „Sodom ist der digitale Sündenfall der westlichen Welt“: So beschreibt Regisseur Christian Krönes am Montagabend im voll besetzten Literarischen Salon der Leibniz-Universität den Schauplatz seines rund 90-minütigen Dokumentarfilms.

Salon-Moderator Jens Meyer-Kovac. (von links) im Gespräch mit den beiden Dokumentarfilmern Christian Krönes und Florian Weigensamer. Quelle: Carina Bahl

Mehr als zwei Monate hat Krönes 2016 gemeinsam mit seinem Regiepartner Florian Weigensamer in Ghana gedreht. Im Literarischen Salon reichen ausgewählte Szenen, um das Publikum in den Alltag Sodoms zu ziehen.„Es hat seine Zeit gebraucht, bis wir das Vertrauen der Menschen für uns gewonnen hatten“, sagt der Regisseur aus Wien. Das Ziel sei stets ein möglichst neutrales Porträt des Ortes gewesen, der gleichzeitig so viel über „unsere Welt“ aussagt. Entstanden ist ein Film, der sichtbar macht, was lieber vergessen wird: das Spiegelbild der Wegwerfgesellschaft. „Jedes glitzernde Smartphone ist mit Sodom verbunden. Dieser Ort scheint so weit weg und ist doch so nah“, sagt Weigensamer.

Hoffnung und Kultur zwischen 250.000 Tonnen Elektroschrott

250.000 Tonnen Elektroschrott türmen sich auf der Halde. Kaputte Computer, Fernseher, Handys – oft illegal entsorgt und per Container nach Afrika verschifft. „Der Tod ist der tägliche Begleiter in Sodom“, sagt Krönes. Die hochgiftigen Gase lassen dort kaum jemanden älter als 35 Jahre werden. Und doch sichert der Schrott auch das Überleben der Menschen: Die Ärmsten der Armen finden dort Arbeit, verkaufen Eisen, Metall und Kupfer. Der „Herr des Feuers“ schmilzt Kabelummantelungen ab und hofft auf einen guten Preis für das extrahierte Kupfer. Ein Musiker besingt in einem aus Elektroschrott gebastelten Tonstudio die Zukunft. Ein junges Mädchen hat sich mit einem Magneten die Suche nach Eisen erleichtert. Das, was alle Protagonisten des Films verbindet, ist Hoffnung. Lebensfreude an einem Ort, an dem eigentlich niemand leben will. „Die Menschen dort legen Wert auf Kultur“, sagt Weigensamer. Es gebe starke Hierarchien, geregelte Tagesabläufe und eine klare Aufgabenverteilung. „Wenn sie das aufgeben würden, wäre das letzte bisschen Menschlichkeit an diesem Ort verloren.“

Am Ende ist es eine erschreckende Ruhe, die den Film seine Wirkung entfalten lässt. Keine Interviews, keine Kommentare, keine dramatischen Kamerafahrten oder diabolisch anmutende Filmmusik: An diesem Punkt der Erde ist die Realität härter als ein Drehbuch sie inszenieren könnte. Die langen Kameraeinstellungen zwingen den Beobachter dazu, in den teils gemäldeartigen Bildern das Furchtbare zu erkennen. Und wenn die glühende Hitze dem jungen Awal schmerzhaft im Gesicht steht, dann bleibt laut Weigensamer nur eine Erkenntnis: „Wir halten dieses Feuer am Brennen. Täglich.“

Es sind überwältigende, nahezu unwirkliche Bilder, die der Dokumentarfilm „Welcome to Sodom – Dein Smartphone ist schon hier“ seinem Publikum bietet. Die Regisseure Florian Weigensamer und Christian Krönes geben einen Einblick in Europas größte Müllhalde mitten in Afrika –und stellen die Menschen vor, die im Elektroschrott ihr Glück suchen.

Weitere Termine im Literarischen Salon finden Sie hier.

Von Carina Bahl

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