Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Louisa Clement zeigt „Remote Control“ im Sprengel-Museum
Nachrichten Kultur Louisa Clement zeigt „Remote Control“ im Sprengel-Museum
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:33 26.03.2019
Giftgas und kein Ende: Zwei Tonnen Sarinreste aus Syrien im Glaseinschluss: „Transformationsschnitt“ (2015) von Louisa Clement. Quelle: Louisa Clement
Hannover

Wie fühlt ihr euch in euren Körpern?“ Auf solch eine Frage geben die drei Strichmännchen ziemlich drübersteherische Antworten. „Well“, sagt die Figur ganz links, tja, sie bringe soundsoviele Millionen „Push Ups“ zustande. Man sei es schon gewohnt, versetzt eine andere, dass „human entities“, menschliche Wesen also, gern nach Körpern fragen. „Wir betonen unsere körperliche Erscheinung nicht zu sehr“, ergänzt das Strichmännchen ganz rechts.

In der virtuellen Realität

So etwa kann er verlaufen, der Small Talk – oder vielleicht auch nur das Ping-Pong-Spiel mit Worten? – in der schönen neuen Welt: Man setzt die VR-Brille auf, kündigt per Click die eigene Wortmeldung an, muss nur halbwegs sauber englisch sprechen und mit Pausen zwischen den Sätzen rechnen – und schon ist man drin in dieser VR, der virtuellen Realität eben.

Virtuelle Realität? Vor ein paar Jahren hätte man da noch widersprochen: entweder virtuell oder real. „Heute bekommen Teenager Amputationsgefühle, wenn man ihnen das Smartphone nimmt“, spottet der Digitalexperte Sascha Lobo. Im Digitalzeitalter verschwimmen Grenzen zwischen echter und virtueller Welt, technischer und natürlicher Körperlichkeit, menschlicher und künstlicher Intelligenz.

Vier Ausstellungen gleichzeitig

Als Grenzgängerin zwischen diesen Welten betätigt sich höchst erfolgreich Louisa Clement. Das lässt sich jetzt im Sprengel-Museum erleben, wo die Künstlerin die VR-Station in ihrer neuen Ausstellung zeigt. „Sehr angesagt“ sei Clement derzeit, hebt Fotokurator Stefan Gronert hervor. Immerhin sei die 31-Jährige, die bei Leni Hoffmann in Karlsruhe und bei Andreas Gursky in Düsseldorf studiert hat, jetzt gleichzeitig an vier Orten – außer in Hannover noch in einer weiteren Einzelausstellung in Brüssel sowie in Gruppenschauen in Emden und Leverkusen - zu sehen.

„Remote Control“ heißt die Schau im Sprengel-Museum, Fernsteuerung also. Damit haben Menschen jahrzehntelang Maschinen gesteuert. Doch wer hält sie heute in der Hand? Diese Ausstellung weist darauf hin, dass längst auch Menschen durch Maschinen gesteuert werden. Dass Maschinen ihr Denken, ihr Bild von sich und der Welt prägen. Und dass sie auch menschliches Handeln steuern.

Louisa Clement Sprengel Quelle: Daniel Alexander Schacht

In welche Illusionswelten wir dabei geraten, führt schon der erste der sieben Säle der Fotoabteilung vor Augen. Da sind menschliche Körper mit glänzenden Oberflächen und in poppigen Farben zu sehen, nicht Fotos, sondern, wie man wegen der langsamen Kamerafahrten erst auf den zweiten Blick bemerkt, Videos von Modepuppen. Und dazwischen prangen bunte Spiegelflächen, auf denen die Zuschauer sich selbst entdecken und mit den Puppen vergleichen können – Menschen und Avatare, Verkaufsmaschinen in Menschengestalt. „Not lost in you“ heißt diese Werkgruppe, denn in diesen Konsumwesen kann man sich zwar verlieren, doch sie verlieren sich eben nicht.

Gewichtiges Statement

Von menschlichen Illusionen handelt auch die Rieseninstallation „Transformationsschnitt“ im nächsten Saal. So nennt Clement eine schwarze Scherbenlandschaft, die zwar schön glitzert, doch eine schaurige Geschichte hat. Denn es handelt sich um in Glas eingeschlossene Überreste von Sarin, dessen Beseitigung den Bürgerkrieg in Syrien nicht beendet hat. Immerhin zwei Tonnen Giftgasreste, das ist ein sehr handgreifliches Statement, eine analoge Provokation in dieser sonst dem digitalen Übergang gewidmeten Schau.

Darin ist jedem Saal eine Werkgruppe gewidmet. „Heads“ zeigt Köpfe, „Gliedermenschen“ zeigt bewegliche Gelenke von Gliederpuppen. Indem sie die Objekte in engen Ausschnitten zeigt, spielt die Künstlerin auch mit der Verunsicherung darüber, ob wir gerade eine Schulter oder ein Schlüsselbein, eine Handfläche oder den für diese Hand passenden ergonomischen Griff einer Maschine sehen, etwa die Griffmulden einer Handgranate. Die zeigt Clement in „Weapons“, einer weiteren Werkgruppe.

Computer, die Klügeren?

So präsentiert diese Künstlerin Beispiele dafür, dass Maschinen schon lange vor dem Smartphone als Erweiterungen menschlicher Körper gedient haben. Dass die Grenzen zwischen dem Körper des Menschen und seiner Umwelt längst verschwommen sind. Und dass auch Intelligenz kein menschliches Privileg bleiben muss. Kommt das Ende der anthropozentrischen Welt in Sicht, wie der israelische Historiker Yuval Noah Harari in „Homo Deus“ konstatiert, werden Computer künftig die intelligenteren „Entitäten“ sein, Wesen, die zwar ohne Bewusstsein, doch mit Intelligenz ausgestattet sind?

Louisa Clement kennt das Buch des Kultautors - und hat doch Einwände: „Einerseits gibt es auch bei Menschen Unbewusstes“, sagt sie. „Und zu menschlicher Körperlichkeit und Gefühlen existiert wohl kein maschinelles Pendant.“ Jedenfalls noch nicht.

Louisa Clement: Remote Control“. Bis 10. Juni im Sprengel-Museum. Eröffnung heute um 18.30 Uhr. Am 19. März um 18.30 Uhr gibt es eine Ausstellungsführung mit Tilmann Kriesel.

Von Daniel Alexander Schacht

In Country-Serie „Nashville“ spielt Charles Esten den Gitarristen Deacon Claybourne. Jetzt stand er im Capitol Hannover auf der Bühne.

28.01.2019

Vor zwei Jahren widmete ihr das Sprengel Museum eine Ausstellung. Nach langer Krankheit ist die in Hannover lebende Künstlerin Petra Kaltenmorgen, Jahrgang 1964, gestorben.

27.01.2019

Jan Böhmermann macht am Donnerstag (31. Januar) in Hannover Station. Was seine Fans erwartet, war am Wochenende bei einem seiner zwei Berliner Konzerte zu sehen. 

27.01.2019