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Kultur „Volksvernichtung“ auf Cumberland
Nachrichten Kultur „Volksvernichtung“ auf Cumberland
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01:15 14.11.2018
Werner Schwabs „Volksvernichtung“ mit Monika Oschek, Rainer Frank, Susana Fernandes Genebra, Dennis Pörtner, Hannah Müller und Katja Gaudard.
Werner Schwabs „Volksvernichtung“ mit Monika Oschek, Rainer Frank, Susana Fernandes Genebra, Dennis Pörtner, Hannah Müller und Katja Gaudard. Quelle: Karwasz
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Hannover

„Eine Radikalkomödie“ nannte der Dichter Werner Schwab sein Stück „Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos“. Es gehört zur Werkgruppe seiner sogenannten „Fäkaliendramen“. Es ist nicht lieblieb. Es ist bösbös.

1991 wurde „Volksvernichtung an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt. Es machte Werner Schwab berühmt. Am Neujahrstag 1994 wurde Werner Schwab tot in seiner Wohnung in Graz aufgefunden. Er wurde 35 Jahre alt. Er hat dem Theater viel gegeben – viele Theaterstücke, aber vor allem das Bewusstsein, dass die Bühne immer noch der Ort sein kann, an dem eine neue Sprache entsteht. Seine Stücke sind Sprachkunstwerke, sie klingen neu und anders und wild und verwegen. Wie Volkstheater, das von künstlicher Intelligenz geschreddert wurde, wie Thomas Bernhard kurz vorm Delirium. Ganz eigen, ganz fremd und merkwürdig schön. Natürlich stehen Schwab-Dramen längst nicht mehr an der Spitze irgendwelcher Theaterhitlisten. Aber sie sind auch nicht in Vergessenheit geraten. Werner Schwab wird immer mal wieder gespielt. Wie jetzt auf der Cumberlandschen Bühne.

Regisseurin Lucia Bihler macht Ernst mit der Gattungsbezeichnung Radikalkomödie. Sie überwindet den Volksstück-Realismus, der in „Volksvernichtung“ steckt, und versetzt die Komödie von dem Mietshaus, in dem sie spielt, in einen Zirkus.

Oje. Zirkus. Wenn es in der Intendanz von Lars-Ole Walburg am Schauspiel Hannover etwas im Überfluss gab, dann sind es Clowns. Clowns und Nebel. Zuviel, zuviel, zuviel davon –schon seit Jahren. Es ist ja auch zu einfach: Alles im Theater kann man zunebeln, und alles kann man in eine Manege verfachten. Die Zirkusmetapher passt immer und überall. Weil aber Clowns immer gehen, sollte man sie bitte gehen lassen.

Aber nichts da. Für die „Volksvernichtung“ auf der Cumberlandschen Bühne hat man –entsprechend der drei Spielorte in drei verschiedenen Wohnungen – drei Zirkuswagen auf die Bühne gestellt. Vieles findet in den Wagen statt und wird per Kamera nach draußen übertragen.

Nebel gibt es auch. Wahrscheinlich, damit die Zuschauer wissen, dass sie sich im Theater befinden. Er gehört ja sowas von dazu.

Doch jenseits der Theaterüblichkeiten entwickelt sich in Lucia Bihlers Inszenierung dann doch etwas sehr Eigenes. Etwas sehr Feines. Etwas gemeines Feines. Durch die Nahaufnahmen und durch elektronische Verstärkung bestimmter Geräusche kommt einem das böse Geschehen in den Wohnungen ganz nah.

So weit ist die Welt der Artisten von Mietshaustristesse gar nicht entfernt. Auch hier gibt es Inzest und Neid und Mordlust. Auch hier wird der Schwache gequält. Die Darsteller sind mutig – auch was den Umgang mit Nacktheit angeht. Dennis Pörtner spielt Herrmann, den vom Leben und von seiner Mutter behinderten Künstler, mit Feinripp-Poesie und stiller Größe. Katja Gaudard ist die erregte Mutter, Rainer Frank gibt dem inzestuösen Mittelschichtsnachbarn eine ganz leise Bösartigkeit, Susana Fernandes Genebra ist seine strahlend verhuschte Frau. Betrice Frey monologisiert als Witwe Grollfeuer am Ende auf einer Schaukel. Da ist vieles fremd wie

Alle Darsteller sind leise Zombies, sie zeigen Feinnervigkeit im Gröbsten, unangestrengte Überdeutlichkeit und Kloakengrandezza. Das ist manchmal schwer auszuhalten, aber es lohnt sich. Allein schon wegen der Sprache.

Weitere Vorstellungen am 18. und 25. November, sowie am 7. und 25.Dezember.

Von Ronald Meyer-Arlt

11.11.2018