Ludovico Einaudi spielt in der Tui-Arena in Hannover 
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Kultur Harmonien für Harmonie
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00:20 03.05.2018
Musik mit Elfen und Enegln: Ludovico Einaudi in der Tui-Arena. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

 Die linke Hand spielt einen Basston. Die rechte übernimmt: absteigender Dreiklang.  Und noch mal von vorn, ganz langsam, ganz einfach. Dann setzen die Violine und das Cello ein, ein bisschen heiser hauchend, ein bisschen Flageolett. Es ist wie ein Sehnsuchtsthema, das sie variieren, bestehend aus bloß noch zwei Tönen: ein zweigestrichenes D, das ist der Ton zum Luftholen, gefolgt vom E fürs Ausatmen. Und Tausende im Saal gehen den Weg mit, atmen ein und aus im Rhythmus des Stücks.

Am Sonntag gehörte die Bühne der Tui-Arena Ludovico Einaudi, dem Filmmusik-und-neue-Klassik-Pianozauberer aus Italien. In der größten Halle der Stadt tummelt sich sonst meist das Lederjackenpublikum, bei angehobenem Lautstärkepegel. Diesmal ist alles verhaltener, die Damen tragen etwas gewähltere Garderobe, die Herren sind graumeliert und oft im Jackett, der Tonfall ist gedämpft. 

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Das erste Stück heißt  „Petricor“ und stammt von der CD „Elements“, die schon von 2015 ist. 2016 war Einaudi mit in etwa dem gleichen Programm schon mal da, Kuppelsaal, ausverkauft, dann Zusatzkonzert.  Auch ohne neue CD füllt er mühelos Hallen, auch wenn diesmal die 10000, denen die Arena Platz bietet, nicht ganz zusammenkommen.  Es gibt Lücken auf den Rängen, aber das trübt die Stimmung nicht. 

Einaudi, das ist der mit der Filmmusik zu „Ziemlich beste Freunde“. Das war 2011, und als der Komponist damit berühmt wurde, hatte er schon eine Unzahl von Orchesterwerken und Bühnenmusiken und Filmsoundtracks geschrieben. Von da an aber gingen seine CD-Verkäufe durch die Decke, er erreichte sogar die Pop-Charts. Was höchst ungewöhnlich ist für einen Musiker, der mit seinen fünf Kollegen (an E-Gitarre und E-Bass, an Violine, Cello und Percussion) auf der Arena-Bühne zwar durchaus Fetziges abliefern kann. Der aber im Grunde ein Vertreter der Minimal Music ist, geschult an Philip Glass und Arvo Pärt.

Alles Gute ist einfach

Ja, schrieb mal ein Kritiker, Pärt und Glass, das schon, aber Einaudi befinde sich „im deutlich simpleren Modus“. Das Feuilleton hat eimerweise Häme über Einaudi ausgegossen, hat ihn zum Einfachharmoniker und Kitschproduzenten erklärt. Bloß weil er es versteht, mit wenigen Tönen eine Spannung, ein Gefühl zu erzeugen. Es ist ein alter Irrtum der Apologeten von Tempo und Technik, dass Einfaches zugleich simpel ist. Das Gegenteil ist der Fall: Alles Gute ist im Kern einfach.

Ludovico Einaudi nimmt eine Harmonie und erzeugt damit: Harmonie. Er holt seine Zuhörer aus ihren Gedankenkarussels und beruhigt ihren Herzschlag und setzt mit seinen Tönen Bilder in den Köpfen in Gang. Zwischen den Stuhlreihen huschen Kobolde, manchmal kann man im Gegenlicht der Scheinwerfer Sternenstaub erkennen, und von ganz oben, unter dem Hallendach, kommt ab und zu ein Lufthauch wie vom Flügelschlag eines Engels. Die meisten Stücke basieren auf schlichten und kurzen Tonfolgen, oft gehen sie von Akkorden aus und münden dort auch wieder, die Dissonanzen sind sparsam verteilt. Melodien werden zu Kaskaden werden zu Melodien. Hier will niemand die Zerrissenheit der Gesellschaft mit seiner Musik abbilden. Hier will jemand, wenn überhaupt, ein bisschen Balsam ausstreuen.

Dem entspricht auch die Lightshow, für die schon das Wort selbst seltsam übertrieben klingt. Der Beamer wirft ein paar kryptische Fotos an die Leinwand hinter den Musikern, Amöben oder Blütenblattvergrößerungen oder was das sein soll, ein wunderschönes kristallines Gebilde, ein paar Hieroglyphen. Gelegentlich baut das Laserscheinwerferrund auf der Bühne eine Kathedrale aus Licht, aber es kann auch Kerzenstimmung.

Der Meister selbst sitzt, wie immer, mit dem Rücken zum Publikum. Das erhöht die Wirkung, wenn er sich, nach einem langen Solopart voller Tonfolgen, die  wie murmelnde Wildbäche und das Zirpen von Elfen und Wind-in-den-Baumkronen wirken, umdreht und die Arme ausbreitet: frenetische, stehende Ovationen. 

Als Zugabe gibt es unter anderem das Stück „Fuori dal mondo“, das Einaudi für den gleichnamigen Film geschrieben hat, 1999 war das. Auf Deutsch hieß der Streifen „Nicht von dieser Welt“. Das passt ein bisschen zu dem Abend. Einmal raus aus allem sein. Lauschen. Träumen. Kraft tanken. Sommerabendmusik. 

Von Bert Strebe

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