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Kultur Lüttje Lage: Die Hannover-Rakete
Nachrichten Kultur Lüttje Lage: Die Hannover-Rakete
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20:04 30.12.2018
Die Lüttje Lage heute von Ronald Meyer-Arlt Quelle: HAZ
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Hannover

Fast alle in der Stadt hielten das Böllerverbot für eine gute Idee. Ruhe in der Innenstadt, keine Umweltverschmutzung, alles fein.

Wobei: Würde da nicht etwas fehlen? Oberbürgermeister Stefan Schostok überfiel eine merkwürdige Unruhe. Was, wenn die Bürger gegen das Knaller- und Raketenverbot protestieren würden? Womöglich sogar in gelben Westen.

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Er rief seine Kulturdezernentin an: „Du, Konstanze, so ganz ohne Böllerei und Gefunkel ist das vielleicht doch nichts.“

Sie meinte, dass es doch ganz schön sei, auch mal einen Tag „ohne viel Getöse“ zu erleben, versprach dann aber doch, Oeds Westerhof anzurufen, den Berater für die Bewerbung Hannovers zur Kulturhauptstadt. Vielleicht würde dem etwas einfallen. Westerhof weilte im Ausland und war nicht zu erreichen. Man entschied, eine „Kreativrunde“ im Büro des Oberbürgermeisters einzuberufen.

So kamen im Büro von Stefan Schostok einige Personen zusammen, um Ideen für eine glanzvolle Silvesterfeier zu finden. Mit dabei: Ronald Clark, Leiter der Gärten Herrenhausen, Annika Schach, Pressesprecherin der Stadt, Stefan Becker, Pressesprecher der Sparkasse, Reinhard Spieler, der Chef des Sprengel-Museums, Matthias Görn und Klaus Goehrmann vom Freundeskreis Hannover, Werner Buss, der Chef des GOP, sowie der ehemalige Wirt Bodo Linnemann waren dabei. Personen also, die wissen sollten, wie man eine Party organisiert.

Am Ende ließ sich nicht genau sagen, wer die Idee hatte, aber immerhin, eine Idee war geboren: die „Hannover Rakete“. In einer eilig anberaumten Pressekonferenz erklärte es der Oberbürgermeister so: „Statt vieler Raketen, die, wie Sie wissen nur für Unruhe und viel Rauch sorgen, haben wir uns entschieden, zum Jahreswechsel nur eine einzige Rakete in den Himmel steigen zu lassen: die Hannover-Rakete. Sie soll genau um Mitternacht starten. Wir wünschen allen Bürgerinnen und Bürgern der Stadt Hannover einen schönen Jahreswechsel.“

Nur: Welche Rakete genau sollte sich in der Silvesternacht in den Himmel über Hannover erheben? Der Oberbürgermeister studierte entsprechende Kataloge. Er schwankte zwischen den Raketensortimenten „New Dimension“ und „Glitter & Glamour“. Dann fiel ihm das Raketenset „Commander“ ins Auge. Ja, Commander, das wäre etwas. Und er selbst würde die Lunte entzünden. Er war kurz davor, das Amazon-Passwort der Stadt Hannover einzutippen, zögerte dann aber doch. Nein, das war alles doch zu wenig hannoversch.

Schostok überlegte: Wozu haben wir so viele kundige Maschinenbauer in Hannover – und was ist eine Rakete denn anderes als eine Maschine? Dann rief er beim Chef der Leibniz-Universität an und fragte, ob es möglich sei, dass die Maschinenbauer eine Hannover-Rakete konstruieren könnten. Uni-Präsident Volker Epping gab die Anfrage an Jörg Wallaschek, den Dekan des Fachbereichs Maschinenbau weiter. „Eine Rakete? Wenn‘s weiter nichts ist“, meinte der Dekan und sagte zu. Fünf Wochen später war die Rakete fertig. Sie war grau, wie vieles, was den Fachbereich Maschinenbau verließ. „An der Farbe müssen wir noch arbeiten“, sagte Schostok zu Annika Schach. Die veranstaltete einen Künstlerwettbewerb, aus dem der Maler Andorra als Gewinner hervorging. Er gestaltete die Rakete in Gelb und Grün, was auf das Welfenhaus und Herrenhausen verweisen sollte. Außerdem fügte er viel kleines Karo ein.

Als Startplatz wurde das Expogelände ausgewählt. Am Kröpcke störten die Drähte der fast nicht sichtbaren Kröpcke-Lampe. Zum Transfer der Rakete zum Startplatz auf der Expo-Plaza wurde das frühere Gespann der Gilde-Brauerei eingesetzt. Die Kaltblüter, die von ihrem Gnadenhof zurück in die Stadt gebracht wurden, wirkten erst etwas irritiert, trotteten dann aber doch mit der Rakete die Bemeroder Straße hinunter. Vom Pressehaus aus wurde das Gespann mit Hannover-Rakete ausgiebig fotografiert. Dabei fiel auf, dass vorn an der Rakete ein Sitzplatz für einen Passagier installiert war. Alle Nachfragen bei der Stadt Hannover, wer denn dort Platz nehmen sollte, blieben jedoch unbeantwortet.

Von Ronald Meyer-Arlt