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Kultur Mädchenchor singt in der Elbphilharmonie
Nachrichten Kultur Mädchenchor singt in der Elbphilharmonie
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01:15 09.01.2019
„Es gibt keine Zugabe“: Gudrun Schröfel dirigiert das Ensemble Oktoplus und den Mädchenchor. Quelle: Carsten Peter Schulze
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Hamburg

Mag sein, dass 21 nicht ganz das richtige Alter ist, um sich mit Inbrunst an die Komposition des katholischen Messetextes zu machen. Aber was Wolfgang Amadeus Mozart 1777 an Aufmüpfigkeit und Witz in seine „Missa brevis“ geschmuggelt hat, ist doch schon sehr weit entfernt von einer pflichtschuldigen Erfüllung seines Jobs am Hof des Salzburger Fürzerzbischofs.

Auftritt in der Elbphilharmonie: Mädchenchor in Hamburg

Spätestens im „Dona nobis pacem“ am Ende, wenn der ausgedehnte spätbarocke Gottesdienst sonst wohl seine narkotische Wirkung nicht nur auf junge Besucher voll entfaltet haben mochte, ist hier die Aufbruchstimmung nicht mehr zu überhören. Mozart überschlägt sich förmlich bei der eigentlich demütig-formelhaften Bitte um Frieden. Die vorlaute Geige, die drei Solisten, die sich eilig darin zu überbieten suchen, dem Chor immer wieder mit frechen Einwürfen dazwischenzusingen: All das scheint rückblickend schon zu erklären, warum dem jungen Komponisten in Salzburg bald darauf fristlos gekündigt werden sollte – mit einem Fußtritt in den Hintern.

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Diese pralle Anekdote aus der Musikgeschichte kommt einem schnell in den Sinn, wenn man hört, wie der Mädchenchor Hannover das Stück bei seinem Auftritt im kleinen Saal der Hamburger Elbphilharmonie singt. So frisch und lebendig tönt die kurze Messe hier, dass einem der Mensch hinter der Musik entgegenzutreten scheint: der junge Mozart, der sich gerade anschickt, sein von den Eltern bestimmtes Leben als Wunderkind hinter sich zu lassen, um in Wien endlich die Freiheit zu suchen.

Symbolträchtiges Programm

Symbolträchtig ist die Wahl gerade dieses Stückes wohl in jedem Fall, denn der Abend in Hamburg ist mehr als ein Auftritt im weltweit spektakulärsten Konzertsaal; er ist zugleich auch das eigentliche Abschiedskonzert von Gudrun Schröfel, die den Mädchenchor über Jahrzehnte als Leiterin geprägt hat. Ihren letzten Auftritt in dieser Funktion wird sie in zwei Wochen beim Neujahrskonzert in der Staatsoper gemeinsam mit ihrem Nachfolger Andreas Felber absolvieren.

Zwei sakrale Werke hat sie auf das Programm ihres letzten großen Auftritts gesetzt: Außer der „Missa brevis“ singen die Mädchen auch die gut 100 Jahre später entstandene „Messe des pêcheurs de Villerville“ von Gabriel Fauré. Eindrucksvoll ist die stilistische Vielfalt, die der Chor in diesen beiden Werken unter Beweis stellt. Bei Mozart klingt er so leichtbeweglich und licht, dass man danach kaum glauben kann, wie viel Kraft, Klangfülle und auch Ruhe er in dem romantischen Werk entfalten kann. Das Ensemble Oktoplus begleitet dazu su raffiniert, dass man eine größere Orchesterbesetzung zu keinem Zeitpunkt vermisst. Und mit Luciano Berios „Opus Number Zoo“ liefern die Musiker zwischen den Chorwerken den unterhaltsamen Kontrapunkt zur Kirchenmusik.

Ein Wunder: Sprache wird Musik

Natürlich ist technisch alles makellos: Blitzsaubere Intonation, beste Textverständlichkeit und runde Stimmen sind beim Mädchenchor seit Langem erstaunliche Selbstverständlichkeiten. Dass eine renommierte Solistin wie die Mezzosopranistin Mareike Morr oder ihre jungen Kolleginnen Anna Schote und Katharina Held sich so gut in den Gesamtklang einfügen können, spricht zusätzlich für die Qualität des Chores. Die klare, warme Akustik im kleinen Saal der Elbphilharmonie verstärkt hier aber noch einmal das ohnehin vorbildliche Leuchten der Vokale und den schönen Nachklang der Konsonanten. So wird man daran erinnert, was für ein Wunder es ist, wenn Sprache plötzlich zu Musik wird.

Am Ende ihrer großen musikpädagogischen Karriere verabschiedet sich Schröfel dann unter lautem Beifall mit einigen nüchternen Worten, in denen die Mischung aus Strenge und Herzlichkeit mitschwingt, die ihre Arbeit entscheidend geprägt hat: „Es gibt keine Zugabe“, sagt sie knapp: „Sie waren ein sehr aufmerksames Publikum.“

Zumindest der erste Teil ist wohl nicht ganz zutreffend: Schröfel soll den Mädchenchor künftig als Ehrenchorleiterin begleiten.

Am Sonntag, 20. Januar, 11.30 Uhr, präsentieren sich alle Chorstufen des Mädchenchors bei einem Neujahrskonzert in der Staatsoper.

Von Stefan Arndt