Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Die letzte Saison von Intendant Klügl
Nachrichten Kultur Die letzte Saison von Intendant Klügl
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:30 28.08.2018
„Wenn man mir eine neue Intendanz anböte, würde ich nicht Nein sagen“: Michael Klügl vor der Staatsoper, die er seit 12 Jahren leitet.
„Wenn man mir eine neue Intendanz anböte, würde ich nicht Nein sagen“: Michael Klügl vor der Staatsoper, die er seit 12 Jahren leitet. Quelle: Katrin Kutter
Anzeige
Hannover

Es ist eine Personalie, die typisch ist für Michael Klügl: Wenn sich in der Staatsoper in zwei Wochen der Vorhang zu „Tristan und Isolde“ hebt, wird Kelly God in der Hauptrolle zu erleben sein. Vor zwölf Jahren kam die Sopranistin nach Hannover – gemeinsam mit Klügl, der hier 2006 seine Posten als Intendant antrat. Seither hat God viele Partien an der Oper gesungen, vor allem als jugendlich-dramatischer Sopran – als „Freischütz“-Agathe oder „Holländer“-Senta –, dem Stimmfach, für das sie engagiert wurde. Doch mit der Zeit änderte sich Gods Stimme, sie wurde voller und größer – zu groß eigentlich für einen jugendlich-dramatischen Sopran. Für Klügl war das kein Trennungsgrund. So konnte God in das Stimmfach eines hochdramatischen Soprans wachsen, in dem sie nun als Isolde zu hören ist. Und glaubt man dem Intendanten, so könnte dieses späte Rollendebüt der Beginn einer großen Karriere werden.

Kelly God als Feldmarschallin im „Rosenkavalier“. Quelle: Staatoper Hannover

In Hannover wird man die allerdings wohl nicht mehr verfolgen können: Klügls Intendanz endet mit dieser Spielzeit im kommenden Sommer, und seine Nachfolgerin Laura Berman hat bereits angekündigt, dass sie kaum Sänger übernehmen wird. Klügl selbst hätte sich an ihrer Stelle wohl anders entschieden. „Der Gedanke des Ensembletheaters ist mir heilig geworden“, sagt der 64-Jährige. Für ihn ist es eine zentrale Aufgabe, Sängern Zeit und Raum zu geben, sich zu entwickeln. Darum bindet er sie gerne lange an sein Haus. So wie Kelly God, die längst zu einem der Gesichter der Klügl-Ära geworden ist.

Intendanten von morgen

Die Möglichkeiten und Ansprüche seiner Sänger haben daher immer die Stückauswahl geprägt, die Klügl an der Oper präsentiert. In diesem Jahr gilt das besonders stark: Der scheidende Intendant will seinen Solisten möglichst oft in gutes Licht setzen: Unter anderem deshalb gibt es groß besetzte Stücke wie Monteverdis „Krönung der Poppea“ und Offenbachs selten zu hörende Operette „König Karotte“. „Das Ensemble soll sich noch einmal schön präsentieren“, sagt er – und hofft wohl auch darauf, dass im Publikum einige Kollegen von ihm sitzen werden, die wissen, dass viele Sänger in Hannover demnächst eine neue Anstellung suchen.

Neben der Fürsorge für die Sänger ist aber auch eine gewisse Entdeckerfreude charakteristisch für Klügl. Er hat stets junge Regisseure gefördert – und dabei beachtliche Karrieren in Gang gesetzt: Der Regisseur Barrie Kosky hat in Hannover entscheidende Schritte zu seiner viel beachteten Intendanz an der Komischen Oper Berlin gemacht, sein Kollege Benedikt von Peter wurde gerade zum Intendanten nach Basel berufen. Einige ihrer Arbeiten – „Peter Grimes“ von Kosky und von Peters „Intolleranza“ und „La Traviata“ – sind Klügl im Rückblick besonders gut in Erinnerung geblieben.

Der Reichtum der Moderne

Der Regisseur Martin G. Berger im Ballhof Eins. Quelle: Katrin Kutter

Ähnliche Karrieren traut Klügl derzeit auch dem Regisseur Martin G. Berger zu, der zum Ende dieser Spielzeit eine „Partizipative App-Oper“ nach dem Orpheus-Mythos auf die Bühne bringen wird, und einigen anderen jungen Talenten am Haus zu. Begonnen haben sie in der Jungen Oper, die bei Klügl nicht nur für junges Publikum, sondern auch für junge Theatermacher gedacht ist. So durchlässig wie in Hannover ist die Jugendsparte gegenüber der eigentlichen Oper sonst kaum.

Frank Hilbichs Version von Hartmanns Oper „Simplicius Simplicissimus“ aus dem Jahr 2008 ist so etwas wie die Lieblingsproduktion den Intendanten – auch, wenn Klügl das nie so nennen würde: Schließlich sei er für alle Produktion verantwortlich und sei das auch für alle gern. Hartmann aber steht für die Komponisten, die Klügl besonders am Herzen liegen. Für den „Reichtum der Moderne“, den er im Musiktheater des 20. und 21. Jahrhunderts sieht, setzt er sich immer gerne ein. Handlungsbedarf gibt es dabei genug: „Selbst Hartmann und Janácek haben sich noch nicht richtig durchgesetzt“, sagt er. „Da muss man offensiv dagegen halten.“

Ganz abgeneigt, das auch nach dem Ende seiner hannoverschen Zeit zu tun, ist Klügl nicht: „Wenn ich eine neue Intendanz angeboten bekäme, würde ich nicht ablehnen“, sagt er. Noch aber gibt es keine konkreten Pläne. Die Spielzeit hat ja auch gerade erst begonnen. Und Klügl hat noch einmal alle Hände voll zu tun.

Die Spielzeit beginnt mit einem Festkonzert zugunsten der Stiftung Staatsoper Hannover am Sonnabend, 1. September, 19.30 Uhr. Solistin ist die Sopranistin Catherine Foster, die in diesem Jahr unter anderem als Brünnhilde in Wagners „Walküre“ bei den Bayreuther Festspielen zu hören war. „Tristan und Isolde“ mit Kelly God in der Titelrolle hat am Sonntag, 16. September, Premiere.

Von Stefan Arndt