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Kultur Milo Rau eröffnet die Hannah-Arendt-Tage
Nachrichten Kultur Milo Rau eröffnet die Hannah-Arendt-Tage
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00:18 27.10.2018
Experte für Protest: Milo Rau, Intendant des Nationaltheaters Gent, bei seinem Vortrag im Sprengel Museum. Quelle: Meyer-Arlt
Hannover

„Was tue ich eigentlich, wenn ich mich mit Völkermördern treffe? Warum lasse ich mich fast augenblicklich von ihrer Gewöhnlichkeit bezwingen? Wenn man diese Frage, in aller Kürze, zu Ende denkt, so könnte man sagen – und das ist natürlich Arendts Argument: Widerstand gegen die Banalität des Bösen, Protest oder Widerstand gegen das banale Mitläufertum, bei welchem Verbrechen auch immer, ist in erster Linie eine Frage der Vorstellungskraft. (...).

Das Böse, sagte Arendt, braucht kein Phantasie, und deshalb hat es auch keine Tiefe. Eichmann stellte sich nicht vor, was seinen Opfern geschah, er stellte sich auch nicht vor, was er eigentlich tat, er war gleichsam abgetrennt von seinen Taten. (...) Das Gute jedoch, sagte Arendt, braucht Phantasie, vor allem aber braucht es das, was jeder Völkermord zu verhindern versucht: Begegnung, Konkretheit, Solidarität zwischen Menschen, die in die gleiche historische Situation gestoßen sind.(...)

Der Protest oder der Widerstand, den ich hier meine, ist also ein Aufruf, die Dinge konkret zu sehen, und vielleicht habe ich als Theatermacher, der konkretesten aller Künste – man nennt sie auch die darstellende Kunst – einen kleinen Vorteil: Theater ist eine Kunst der Körper, der Begegnung, der Präsenz. Es ist schlichtweg unmöglich, Theater zu machen, das sich von diesen Grundlagen des humanen In-der-Welt-Seins emanzipieren würde.

(...) Wie leidenschaftslose Dandys beobachten wir momentan das langsame Absinken der westlichen Zivilisation ins Chaos. In einer fast genial zu nennenden Mischung aus geistiger und Herzensdummheit schauen wir zu, wie fast alles, was wir lieben, ins Feuer stürzt. Jährlich verschwinden Tausende von Tiersorten, und was die Menschheit angeht, so grenzt das, was wir unseren Kindern zumuten, an einen geplanten Genozid. Künftige Generationen von Deutschen, Schweizern, Europäern werden in einem Haus in Flammen leben, umgeben von einem Garten, der zu trocken oder überschwemmt ist, um darin überhaupt noch leben zu kommen. Ein grässlich stiller Garten übrigens, ohne das Geräusch von Insekten und Bienen, und was Europa angeht: ein Garten, der umgeben ist von Stacheldraht.

Das Interessanteste daran aber ist: Es kann überhaupt keinen Zweifel geben, dass dem so ist, auch wenn meine Zusammenfassung natürlich ein bisschen gerafft und dadurch sehr apokalyptisch ist. Die Zeit, als die betreffenden Studien angezweifelt wurden, die Zeit der Leugner des Klimawandels ist genauso vorbei wie die Zeit der Holocauts-Leugner – heute verdrängen wir nur noch. Denn wie kommt es sonst, dass wir nicht im Kreis rennen vor Verzweiflung, weil wir unsere Kinder einer geradezu alptraumhaften Welt aussetzen?

Und das ist die erste Lektion in einer Kunst des Widerstands: Seine eigen Zeit gleichsam aus dem Alltag zu befreien, sie faktisch und damit „historisch“ zu betrachten, aus der Zukunft, die ja bekannt und beschreiben ist, mit dem rückwärts gewandten Blick des „Engels der Geschichte“, wie Paul Klee ihn gemalt und Walter Benjamin ihn beschrieben hat, „die Augen geweitet vor Schreck“.

Protest heißt, die eigene Zeit nicht mitleidig oder liebevoll, sondern katastrophisch und unverhüllt, also zynisch zu betrachten. Denn der Zyniker unterliegt, wie man weiß, dem Zwang, die Wahrheit zu sagen. Anders ausgedrückt: Der Zyniker verfügt nicht über die beachtliche Verdrängungsleistung, der es bedarf, das eine zu sehen, etwas anderes zu tun und sich etwas Drittes dabei zu denken. (...). Denn für das Böse – um noch einmal meinen Lieblingssatz von Hannah Arendt zu wiederholen – braucht man keine Phantasie, für das Gute jedoch schon. Was wir also brauchen, ist Phantasieforschung im großen Stil. Oder anders ausgedrückt: Es reicht nicht, sich die Boshaftigkeit Assads, Eichmanns, der AfD vor Augen zu führen. Es reicht nicht, die Prognosen für den Klimawandel in, sagen wir, 50 Jahren zu kennen.

Was wir bauchen, ist Arbeit an den Real-Utopien des Guten, und zwar ganz praktische Arbeit, gemäß dem Erich-Kästner-Quote: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“. Wir müssen uns fragen: Was wollen wir von der gegenwärtigen Gesellschaft behalten und was muss dringend verändert werden? Und dann müssen wir anfangen, das umzusetzen.“

Von Ronald Meyer-Arlt

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