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Musik So rocken Ghost in Hannover
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00:15 21.02.2019
Der große Strippenzieher: Ghost-Chef, -Erfinder und Sänger Tobias Forge. Quelle: Samantha Franson
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Hannover

Hier kommt Tobi. Tobi ist Sänger, auf der Bühne ist er aber auch Graf Dracula, der große Zampano und Herr über Himmel und Erde. Es ist die ganz große Horrorshow, wenn Tobi zum Bühnenrand tänzelt. Oder von seiner Showtreppe schreitet. Rücken durchgedrückt, die Beine wie Stelzen, royale Attitüde. Ein Fingerzeig für einen der drei Gitarristen, einen für die rund 2700 Fans in der Swiss-Life-Hall in Hannover, dann eine gestreckte Faust. Tobias Forge ist hier klar der Dirigent, der Showmaster, er gibt den Ton an.

Ganz großes Cabaret

Der 37-jährige Schwede mag den theatralischen Auftritt. Sein Mikrofon kann er so elegant von einer Hand in die andere schnippen, dass es für einen ganz kurzen Moment in der Luft steht. Vor 40 Jahren hätte er damit in Dieter Thomas Hecks Hitparade landen können. Nur das umgedrehte Kreuz auf der Brust (Herzseite) wäre wohl nicht gegangen. Und die gespenstische, dicke weiße Maske im Gesicht mit den tiefschwarzen Augenhöhlen – auch das nicht. Damals standen leichte Unterhaltung, Konfetti und Schmalz noch auf der einen Seite – Rockmusik und ehrliche Arbeit auf der anderen. Heute ist das nicht mehr so einfach zu trennen – und Tobias Forge mit seiner Band Ghost zeigt, wie man aus diesen herrlichen Möglichkeiten ganz großes Cabaret macht, mit Konfetti.

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Die schwedische Rock-Band Ghost in Hannover

Die Show am Sonntagabend beginnt mit Ringelreihen – einer Kindermelodie mit Glockenspiel und unheilschwangerem Ende: „We all fall down“. Auf der Bühne: sieben maskierte Gestalten – die Musiker verhüllen ihre Köpfe hinter silbernen Teufelsgesichtern. Das sind die „Nameless Ghouls“ – Dämonen ohne Namen. Die Musiker, die Forge hinter sich versammelt hat, sind anonym. In einem Jahrzehnt Ghost hat er schon eine ganze Reihe verschlissen.

Gerichtsstreit mit Musikern

Auch der Sänger selbst war lange Zeit anonym unterwegs und trat in der Rolle eines Art Papstes mit Horrormaske auf. 2017 ging er an die Öffentlichkeit, nachdem ihn ehemalige Mitmusiker verklagt hatten. Sie fühlten sich finanziell hintergangen und ausgenutzt. Man darf davon ausgehen, dass jetzt andere Angestellte des von Forge stringent geplanten Unternehmens Ghost hinter den Masken stecken, um das Spektakel fortzuführen.

Auf der Bühne schneiden die Gitarren. Es wird düster. „In times of turmoil, in times like these“, singt Forge. Ja, es sind aufrührende Zeiten. Die Ratten. Sie kommen und bringen Überzeugungen mit, die sich wie Krankheiten verbreiten. Ghost sind regelrecht politisch geworden mit der ersten Single ihres neuen Albums „Prequelle“. Auch bei der Show macht „Rats“ den Anfang, ein treibender Metal-Song mit poppigem „Aaah-woaah“-Gesinge im Zentrum.  Heavy Metal trifft Ohrwurm.

In der Tat schafft es keine Band derzeit, so harten Rock mit derart weichen Melodien zu kreuzen. „If you have Ghost, you have everything“, wird Forge später singen. Da ist was dran. Bei Ghost ist nun wirklich für jeden etwas dabei, der mit Rockmusik kann. Vor rund zehn Jahren startete die Band im schwedischen Linköping als düstere Heavy-Band. Die musikalische Reise führte schnell durch den gesamten Zitate-Keller der Rock- und Pop-Geschichte. Ghost griffen beherzt zu, ohne Angst vor Genregrenzen, und verrührten kunstvoll sämtliche Einflüsse zu einem Ganzen. Wer hören kann, der höre: Psychedelic-Rock, Okkult-Rock, Pop-Rock, Progressive-Rock. Black Sabbath, Blue Öyster Cult, Abba, Foreigner, Pink Floyd, Genesis, Rush, Kiss, Judas Priest, David Bowie, Queen.

Dazu gibt es Horrormasken, Texte über Hexen, Pest und Tod. Selbst den guten alten Teufel holen Ghost ganz unverfroren aus der Mottenkiste. Forge schlüpft in verschiedene Pastoren-Kostüme, schwenkt Weihrauch, reißt anzügliche Zoten. Die Lichtshow ist ein Spektakel für sich, der Bodennebel wabert, Flammen schießen aus der Bühne. Der Höhepunkt: Als ein Musiker im Papst-Kleid ein Saxofon-Solo aufs Parkett legt.

Zweieinhalb Stunden dauert der ganze Mummenschanz. Und wie bei jedem Musical gibt es eine Pause. Wir erleben hier den sehr erfolgreichen Rock’n’Roll-Schwindel des Tobias Forge. Ghost machen aus Heavy-Metal das, was er eigentlich nie sein wollte: Einfach nur eine große Show – Kulissen, Rollenspiele, Selbstironie, Albernheit. Ghost ist die „Rocky Horror Show“ mit doppeltem Boden. „Come on, Hannover! Klatsch, klatsch, klatsch, klatsch“, so feuert Forge die Fans an. Er lobt das Aussehen des Publikums. „Und ihr riecht gut.“ Später erkundigt er sich, ob man es möge, wenn die Musik den Hintern zum Schwabbeln bringe. Ein lautes Ja! Und kurz vor Schluss rät er schließlich, nach Hause zu gehen, und Sex zu haben.

Die Musik ist mal harter Stakkato, mal soft wie die Scorpions. Pathos, Bombast und Kitsch gehören immer dazu. Da singt Forge davon, dass er im Mondschein jemanden verzaubern will – die ganze Nacht natürlich. Die Melodie hätte Abba stolz gemacht. Nur weil die ganze Show so offensichtlich ohne Grenzen ist, kann man Tobi das durchgehen lassen.

Von Ralf Heußinger

26.02.2019
07.01.2019