Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Musik So war das Konzert von Morcheeba im Pavillon
Nachrichten Kultur Musik So war das Konzert von Morcheeba im Pavillon
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:27 21.02.2019
Ein Duschvorhang aus rotem Laserlicht: Morcheeba im hannoverschen Pavillon. Quelle: Volker Wiedersheim
Anzeige
Hannover

Schnelllebig ist das Musik-Business –puh! Kann man sich dem entgegenstellen, indem man Pop so langsam spielt, dass die Zeit stehen bleibt? Ja, das funktioniert. Der Laborversuch von Morcheeba im Pavillon hat das jetzt bewiesen. In vielen Momenten klingt die Show der Londoner Downbeat-Draufgänger tatsächlich so, als wären die Neunzigerjahre immer noch nicht ganz vorbei. Als wäre immer noch alles gut, wenn man es langsam angehen lässt. Und wirklich, die Welt sieht anders, entspannter, gefälliger aus, wenn sie sich mit 70 bis 80 Beats per Minute vor den Augen abspielt. Wenn man sich Zeit nimmt. Rom wurde schließlich auch nicht an einem Tag erbaut – „Rome Wasn’t Built in a Day“, wie es in einem der langlebigsten Morcheeba-Hits heißt.

Heimliche Hits und Dauerbrenner

Wobei: Hits beschreibt die Qualität selbst der bekanntesten Songs nicht wirklich gut. Seit der Bandgründung 1996 und durch die Nullerjahre wurde der Name Morcheeba auf den Plakaten der Festival-Programme in immer größeren, dickeren Buchstaben und immer weiter oben notiert. Trotzdem ist das Projekt um Sängerin Skye Edwards und Gitarrist Ross Godfrey immer eine der Bands geblieben, deren Songs jeder schon mal irgendwo gehört hat, ohne sich aber die Namen der Lieder und der Band zu merken. Als Stars gelten sie deshalb vor allem bei denen, die immer schon etwas genauer hingehört haben.

Anzeige

Medizin für Stimme und Stimmung

Gut 850 Gäste sind in den Pavillon gekommen. Und sie stellen fest: Das genaue Hinhören lohnt sich immer noch. Die Akkorde triefen vor Jazz, im Rhythmus steckt durch und durch afrikanisierte DNA, und wenn Edwards ihre Geschichten von Halt und Haltung singt, ist ihr Timbre wie ein Klang gewordener Cocktail aus Honig und Whiskey. Das genau ist übrigens auch die Medizin, mit der sie in gemäßigter Dosierung zwischen den Songs dafür sorgt, dass eine Erkältung ihr nicht die Stimme zerkratzt.

Edwards erklärt Diagnose und Therapie dem Publikum in charmanten Worten, teils sogar auf Deutsch. Und man fühlt mit ihr. Man ist ja quasi unter sich. Es geht geradezu familiär zu. Vielleicht auch deshalb, weil nach mehreren Umbesetzungen in der Band nun Edwards Ehemann Steve Gordon Bass spielt und der gemeinsame Sohn Jaega McKenna-Gordon am Schlagzeug sitzt. Zwischen den drehzahlbegrenzten Dauerbrennern wie „Blood Like Lemonade“, „Blindfold“, „Blaze Away“ und David Bowies „Let’s Dance“ ist sogar Zeit, kurz die Details ihrer Garderobe zu würdigen und zu erklären, dass die spektakuläre Bühnenbeleuchtung nicht durch Rauch, sondern durch in der Luft schwebende Aerosole so trefflich zur Geltung kommt. Rauch? Pah, die feinen Herrschaften aus London haben wie auch in allen musikalischen Belangen hier Besseres zu bieten.

Von Volker Wiedersheim

21.02.2019
26.02.2019