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Musik So war das Konzert von Odd Beholder bei Feinkost Lampe
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16:54 16.02.2019
Mit Höhen und Tiefen kennen Schweizer sich aus: Daniela Weinmann von der Band Odd Beholder singt über Reales und Virtuelles Quelle: Volker Wiedersheim
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Hannover

Man muss auf der Suche nach den endgültigen Merkwürdigkeiten am Rand der Realität nicht - wie einst David Bowie in „Space Oddity“ - zu den Sternen gucken. Man kann auch einfach in den Keller gehen. Im doppelten Wortsinne. Wie zum Beispiel beim Konzert des Schweizer Duos Odd Beholder bei Feinkost Lampe. Erst hinten über den Hof, dann ein paar Treppenstufen runter in den Club, und dann mit jedem Song tief und tiefer in die Befindlichkeit einer merkwürdigen Generation am Beispiel von Sängerin Daniela Weinmann. Es ist eine Art mentale Höhlenforschung.

Astrale Stimme, dezentes Gitarrenzupfen

Der Soundtrack dazu: Weinmanns astrale Stimme, dezentes Gitarrenzupfen und Elektrorhythmus aus einem Raumschiffcockpit bunt leuchtender Drumcomputer und Synthsizer – es perlt. In den kurzen Pausen zwischen den ersten Songs („Lighting“, „Reforesting Fire“) klatschen die 80 Zuschauer behutsam, man unterhält sich im Flüsterton. So, als wolle es gar nicht groß stören.

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Computer-Streik – Houston, wir haben kein Problem

Multiinstrumentalist Martin Schenker drückt als Weinmanns Adjutant eigentlich souverän die Knöpfe und Regler, doch dann passiert's: Mitten in der Erörterung über Weinmanns großes Thema, das Siechtum des Realen im Digitalen, streiken die Computer. Eben hatte die Sängerin noch im herzerwärmenden Dietikon-Dialekt erklärt: „Ich hab so eine Obsession mit der Realität. Es ist wirklich unklar, was das ist, und ich würd's gern wissen.“ Und schon spucken ihr die Computer jede Menge Realität in die Suppe. Dreimal müssen sie den Song „Landscape Escape“ starten. Mensch funktioniert, Maschine streikt – eine lyrische Pointe des Abends. „Ist schon symbolisch, dass der Computer uns gerade da geschreddert hat“, sagt Weinmann entschuldigend. Und die Zuschauer, die ihre Zurückhaltung inzwischen dankbar aufgegeben haben, nehmen die Band mit aufmunterndem Applaus in den Arm. Houston, wir haben kein Problem!

Highlights im Keller

Vier Erkenntnisse nach der spannenden Konzertexpedition. Erstens: Schweizer navigieren souverän zwischen Gipfeln und Abgründen der Befindlichkeit. Zweitens: Virtuelles kann virtuos sein. Drittens: Synthesizer sind auch nur Menschen. Viertens: Kellerkonzerte – man sollte sie häufiger besuchen.

Von Volker Wiedersheim

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