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20:16 07.01.2019
Alan R. Pearlman gründete 1969 die Firma ARP Instruments Inc. Quelle: ARP
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„Rockmusiker?“ Für Alan R. Pearlman stand Ende der Sechzigerjahre fest: „Rockmusiker, das sind Groupies, Drogen, Instrumentalisten ohne Artikulation.“ Tja, Pech. Er hat nicht geahnt, dass sie ihm bald die Bude einrennen würden. 1969 gründete er die Firma ARP Instruments und entwickelte Synthesizer wie die Konkurrenten Moog und Buchla. Die populäre Musik von heute ist nicht vorstellbar ohne den Einfluss von Pearlman, der am 6. Januar 93-jährig gestorben ist.

1925 geboren, hatte Pearlman als Kind ein profunde Ausbildung am Klavier erhalten. Er wurde ein viel gefragter Ingenieur und entwickelte für den Funkverkehr der „Apollo“-Weltraummissionen Verstärker. 1969 lockte ihn dann doch wieder die Musik. Genauer gesagt: elektronische Klangerzeuger. Diese waren seit den Zwanzigerjahren groß wie Schrankwände, Stromfresser und oft kaputt. Und selbst wenn sie heil waren, gaben sie im Grunde nur atonales Knarzen, Rauschen und Fiepsen von sich. Avantgardekünstler im LSD-Rausch waren verzückt, das größere Publikum blieb noch auf Distanz.

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Liste der Bands, die ARP-Synthesizer nutzen

Pearlmans erster Synthesizer, der ARP 2500, war immer noch groß wie eine Schrankwand und ein Stromfresser, hatte aber neben dem cockpitartigen Programmierbereich eine Tastatur wie ein Klavier und war damit für viele Musiker spielbar. Pearlman wollte an Universitäten, Konservatorien und die großen Konzerthäuser verkaufen. Aber es kamen auch ganz andere Kunden. Zum Beispiel die Herren Ralf Hütter und Florian Schneider aus Düsseldorf, die Pearlman den ziemlich abwegigen Plan vorstellten, eine Synthesizer-Band namens Kraftwerk zu gründen. Außerdem aus Frankreich Jean Michel Jarre und Jimmy Page von Led Zeppelin. Da waren sie, die wenig virtuosen Rockstars mit den Groupies und den Drogen – und frischen Ideen.

ARP-Synths für Aliens und R2D2

Ebenso unerwartet: Hollywood klopfte an. Steven Spielberg besorgte sich einen ARP 2500 für die Alienmelodie des Films „Unheimliche Begegnung der dritten Art“. Später kam George Lucas, besorgte sich das Nachfolgemodell ARP 2600 und brachte damit dem „Star Wars“-Droiden R2D2 die Flötentöne bei. „Pliep-düdel-di-fiep!“ – solche Klänge sind die Spezialität der frühen Synthesizer. Aber sie können auch anders. Die Modelle ARP Odyssey und ARP/Solina String Ensemble waren zu hören, als Herbie Hancock den Jazz unter Strom setzte („Chameleon“), als Pink Floyd „Shine on You Crazy Diamond“ aufnahm, bei Genesis, Elton John („Rocket Man“) und später bei Depeche Mode. Stars, die hier bislang nicht genannt sind, spielten im Zweifelsfall Moog-Synthesizer. Und jeder schwor auf seine Geräte. Lagerbildung im Lala-Land.

Die Konkurrenten Robert Moog (2005 gestorben) und Alan R. Pearlman waren beide geniale Ingenieure. Moog hielt sich selbst für einen bestenfalls schlechten Musiker, aber er verstand das Geschäft. Bei Pearlman war’s umgekehrt. Nach zwölf Jahren, 1981, war ARP pleite. Pearlman widmete sich für den Rest seines Berufslebens der Grafik- und Bildbearbeitung der aufkommenden Personal Computer.

Überhaupt: die Computer. Als ab Mitte der Achtzigerjahre aus Japan die ersten mit Mikroprozessoren bestückten und daher unvergleichlich billigeren Synthesizer kamen, verschwanden ARP und Moog quasi über Nacht von den Popbühnen. Nach Jahrzehnten in der Liebhabernische kommen Nachbauten und Neuauflagen der Synthie-Dinos allerdings nun wieder in großen Stückzahlen auf den Markt. Auch der ARP Odyssey – so billig, nur wenige Hundert Euro, dass ihn sich sogar engagierte Kinderzimmerproduzenten leisten können, wenn sie sich mit den Eltern gut stellen. Pearlman, der immer die Avantgarde der Konservatorien im Sinn hatte, hat das Comeback noch erlebt. Es dürfte ihn befremdet und gefreut haben.

Von Volker Wiedersheim

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