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Nachrichten Kultur Neue Bücher widmen sich dem Thema Antisemitismus
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01:15 18.02.2019
In Deutschland in Gefahr? Zwei Jungen mit Kippa in einer Hamburger Talmud-Tora-Schule. Quelle: Daniel Bockwoldt/dpa
Hannover

Ein Kippaträger wird verprügelt. Ein Kippaträger wird beleidigt. Ein Kippaträger wird attackiert. So geschehen am 17. April 2018 in Berlin-Prenzlauer Berg, am 13. Juli in Düsseldorf, am 13. Januar 2019 in Berlin-Nikolassee. Drei Zeitpunkte, drei Orte, ein Vorgang: Wer in Deutschland als Jude erscheint, riskiert, zur Zielscheibe zu werden.

Antisemitismus allenthalben also. Zwar wurde gleich nach der ersten dieser Attacken der Außenamtsbeamte Felix Klein als „Antisemitismus-Beauftragter“ der Bundesregierung installiert. Doch von ihm war seither wenig zu hören. Umso beredter äußern sich Autoren zum Thema. Und neben neuen Büchern zum Thema gibt es auch eine Wiederauflage von Hannah Arendts Schrift „Vor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Monde sicher“.

Diese gefühlte Allgegenwart des Antisemitismus liegt heute freilich auch daran, dass viele Publizisten sich kaum um eine Begriffsdefinition bemühen. „Antisemitismus“ wird so leicht zur Phrase, mit der sich alles, was einem nicht passt, dämonisieren, aber eben nicht in den Griff bekommen lässt. Dabei wurde das Wort erst im 19. Jahrhundert geprägt. Damals sind zu den uralten antijüdischen Ressentiments gegenüber den angeblichen „Jesusmördern“, „Brunnenvergiftern“ und „Weltverschwörern“ Vorbehalte gegen „Volk“, „Rasse“ und „Nation“ der Juden gekommen. Umso dringender ist also die Arbeit am Begriff.

Doch die US-Historikerin Deborah Lipstadt, die 1993 den britischen Holocaust-Leugner David Irving in die Schranken gewiesen hat, belässt es in ihrem jüngsten Buch „Der neue Antisemitismus“ dabei, von „Verschwörungstheorien“ mit „wahnhaftem“ Charakter zu sprechen. Für Arye Sharuz Shalicar, leitender Mitarbeiter im Büro von Israels Premier Benjamin Netanjahu, ist Antisemitismus in „Der neu-deutsche Antisemit“ schlicht alles, was er „Israel-Kritik“ nennt. Klar, es gibt Antisemiten, die Israel kritisieren – aber wird man durch solche Kritik automatisch zum Antisemiten? Wer es sich so einfach macht, richtet gegen das antisemitische Stereotyp vom „ewigen Juden“ nichts aus – und trägt indirekt dazu bei, den Antisemitismus zu verewigen. Moshe Zuckermann, der langjährige Historiker an der Uni Tel Aviv, wendet sich in „Der allgegenwärtige Antisemit“ daher gegen „die widersinnige Gleichstellung von Antisemitismus, Antizionismus und Israelkritik“.

„Staatsräson“ ohne Folgen?

Damit greift freilich auch er das Wort „Israelkritik“ auf, das weiterer Differenzierung bedarf: Handelt es sich um präzise Einwände gegen eine bestimmte Politik in Israel? Oder geht es um Pauschalurteile über „die“ Israelis als Juden, wird gar die Existenz Israels infragegestellt?

In letzterem Fall müssten Bekenntnisse deutscher Politiker gegen Antisemitismus und für die Existenz Israels als deutscher „Staatsräson“ ja Folgen zeitigen. Doch was folgt aus dem Plädoyer für Israel „als jüdischem und demokratischem Staat“ sowie für die Zweistaatenlösung zwischen Israelis und Palästinensern im aktuellen Koalitionsvertrag? „Was, wenn sich herausstellt, dass Israel die so definierte Zweistaaten-Lösung gar nicht will, wenn die von Israel betriebene Politik Israels Sicherheit, mithin seine Existenz langfristig aufs Spiel setzt?“, schreibt Zuckermann. Und er fragt auch, was solche Bekenntnisse bedeuten, da Nichtjuden in Israel als Bürger zweiter Klasse behandelt würden, Israels Siedlungspolitik im Westjordanland nichts mit Demokratie zu tun habe und den Weg zur Zweistaatenlösung blockiere: Schließt das Berliner Ja zur jüdischen Demokratie auch ein Ja zur Diskriminierung von Minderheiten und zur israelischen Besatzung ein?

Doppelte Standards

Der Suhrkamp-Band „Neuer Antisemitismus?“ wirft überdies die Frage auf, was von Bekenntnissen zu Israel aus dem Munde von Populisten etwa in Ungarn und in Polen zu halten ist, die zugleich Antisemitismus im eigenen Lande dulden oder fördern. Es gibt schließlich auch antisemitische Zionisten, die Juden nur in Israel wollen. Netanjahu, stets um Einwanderung bemüht, behandelt solche Leute teils als Bündnispartner; der Kampf gegen Antisemitismus außerhalb Israels ist bei dem Premier also nicht unbedingt in den besten Händen.

Auch sonst gibt es doppelte Standards: Arye Sharuz Shalicar , als Kind iranischer Juden in Göttingen geboren und in Berlin-Wedding zwischen türkischen und arabischen Jugendlichen aufgewachsen, beklagt antijüdische Diskriminierung in Deutschland, schert sich aber nicht um die nichtjüdische Minderheit in Israel. Und er offenbart ein eigentümliches Verständnis von Meinungsfreiheit und Rechtsstaatlichkeit mit der Forderung, „Leitmedien, die weiterhin über ,den Nahostkonflikt‘ berichten“, zu gängeln und Menschen, die Juden angreifen, „in die Nervenanstalt oder hinter Gitter“ zu stecken. Deborah Lipstadt kritisiert an der Bewegung BDS, die für Boykott, Desinvestment und Sanktionen gegen Israels Besatzung fordert, das Eintreten für ein Rückkehrrecht von Palästinensern. „Dies käme dem Ende Israels als jüdischem Staat gleich.“ Wohl wahr, schließlich besteht die palästinensische Diaspora aus rund sechs Millionen Menschen. Ein paar Seiten weiter plädiert Lipstadt indes für das Recht aller Juden „in ihre nationale Heimat zurückzukehren“. Doch was hieße das für die Aussichten eines palästinensischen Staates? Immerhin leben mehr als acht Millionen Juden außerhalb Israels.

„Die gordische Lösung“

„Jede Kritik an Israel als antisemitisch darzustellen, ist falsch und kontraproduktiv“, hat der 2018 verstorbene Friedensaktivist Uri Avnery notiert. „Es schadet dem Kampf gegen den Antisemitismus.“ Wie Antisemitismus bekämpft werden kann, dazu bieten die aktuellen Bücher über die Ratschläge des Antisemitismus-Beauftragten Klein – Aufklärung zu Holocaust und jüdischem Leben in Deutschland in Schulen, Integrationskursen und Medien, Verfolgung und Veröffentlichung von Übergriffen – hinaus kaum etwas.

Eine gute Generalformel gegen das Verzetteln zwischen (innen-)politischen Schritten gegen Judenfeinde und dem (außen-)politischen Umgang mit Israel bietet der israelische Historiker Dan Diner. In „Neuer Antisemitismus?“ plädiert er für „die gordische Lösung“, womit er einen klaren Trennstrich meint: Es gelte, „den Antisemitismus zu bekämpfen, als ob es den arabisch-jüdischen, israelisch-palästinensischen Konflikt nicht gäbe“ und diesen Konflikt „einer beiden Seiten zuträglichen Lösung zuzuführen – so, als gäbe es den Antisemitismus nicht“. Es geht also um nichts Geringeres als das Zerschlagen eines Gordischen Knotens.

Neue Bücher zum Thema Antisemitismus:

Christian Heilbronn, Doron Rabinovici und Natan Sznaider (Hg.): „Neuer Antisemitismus? Fortsetzung einer globalen Debatte“. Suhrkamp-Verlag. 495 Seiten, 20 Euro.

Deborah Lipstadt: „Der neue Antisemitismus“. Berlin-Verlag. 304 Seiten, 24 Euro.

Arye Sharuz Shalicar: „Der neu-deutsche Antisemit. Gehören Juden heute zu Deutschland? Eine persönliche Analyse“. Verlag Hentrich & Hentrich. 160 Seiten, 16,90 Euro.

Moshe Zuckermann: „Der allgegenwärtige Antisemit oder Die Angst der Deutschen vor der Vergangenheit“. Westend-Verlag. 255 Seiten, 20 Euro.

Von Daniel Alexander Schacht

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