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Kultur Herr Bode, sind Lieder nicht altmodisch?
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17:12 26.11.2018
Jam-Session nach Noten: Igor Levit (links) und Simon Bode. Quelle: Felix Broede
Hannover

Der Tenor Simon Bode ist einer der vielversprechendsten Opernsänger seiner Generation. Im Interview spricht er über seine große Liebe: das Lied.

Herr Bode, Sie singen zum Auftakt einer neuen Konzertreihe im Sprengel-Museum, die sich ganz dem Lied widmet. Wozu braucht man eine solche Reihe?

Größere Liederabende sind selten geworden – sowohl für das Publikum als auch für die Künstler. In Hannover passiert zum Glück noch ziemlich viel, auch durch die sehr aktive Liedklasse an der Musikhochschule oder die monatliche Reihe im Kestnermuseum. Wir planen ein bis zwei Konzerte im Jahr mit überregional bekannten Künstlern, die dieses Angebot ergänzen.

Aber Lieder haben es im regulären Konzertbetrieb schon schwer, oder?

Liederabende sind am schwersten zu verkaufen – dafür kommen danach die begeistertsten Rückmeldungen: Das hat mir einmal ein Veranstalter gesagt. Man muss sich als Künstler schon sehr aktiv für diese Kunstform einsetzen. Wenn alles organisiert ist, kann ich aber kein mangelndes Interesse feststellen: Unsere Konzerte sind eigentlich immer ausverkauft. Vielleicht sind Liederabende ein bisschen untypisch für unsere Zeit geworden.

Sie sind also altmodisch?

Nein, ungewohnt. Liederabende sind sehr unmittelbar. Ich werde als Zuhörer direkt angesprochen. Zwei Meter vor mir steht ein Sänger und erzählt mir eine Stunde lang von einem Typen, der an einer unglücklichen Liebe zerreißt. Es gibt Verzweiflung, Euphorie und Begeisterung – und alles ohne ein zwischengeschaltetes Medium wie Fernsehen, Kino oder auch die Oper mit ihrem Orchestergraben. Im Lied kommen einem das alles viel näher, als man es gewohnt ist.

Sind Liederabende zu intim?

Ich glaube, es gibt zwei Hemmschwellen: Zum einen die Angst, dass man etwas steif rezitiert bekommt, was nichts mir mir zu tun hat und mir auch nichts sagt – das ist aber wirklich eine unbegründete Sorge. Zum anderen kann man von einem Lied an einer Stelle gepackt werden, an der man sich mit sich selbst auseinandersetzen muss. Das ist man vielleicht nicht mehr so gewohnt. Es geht ja oft eher um den schnellen Kick als um Essenz und Zwischentöne.

Die großen Liedkomponisten sind Schubert und Schumann. Ist das Repertoire vielleicht ein bisschen eng für eine lang angelegte Reihe?

Das Repertoire ist der Masse nach riesig. Allein mit Schubert-Liedern könnte man ein paar Jahre lang Konzerte bestreiten. Und das ist längst nicht alles. Aber es gibt wie in allen anderen Kunstrichtungen für bestimmte Kategorien eine Sternstunde – das Jahrhundert, die 30, 40 Jahre –, in denen eine Meisterschaft erreicht wurde, die davor und danach so nicht mehr erreicht wurde. Es ist wichtig, dass man solche zivilisatorische Errungenschaft wach hält. Es wäre ja absurd, nicht mehr den Petersdom angucken oder die Mona Lisa, nur weil heute nicht mehr so gemalt oder gebaut wird.

Sie führen Schuberts „Schöne Müllerin“ gemeinsam mit dem Pianisten Igor Levit auf. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Wir haben uns schon vor dem Studium kennengelernt und dann hier an der Hochschule zufällig wiedergetroffen. Igor kam gleich mit Noten im Gang auf mich zu und hat mich gefragt, ob ich dies oder das schon gesungen hätte. Er kannte damals mehr Liedrepertoire als ich. So hat es angefangen: als Jam-Sessions aus Interesse an der Materie. Die „Schöne Müllerin“ haben wir aber erst im vergangenen Sommer zum ersten Mal aufgeführt. Auf so ein Stück kann man sich nur einlassen, planen kann man es nicht. Es ist eine große emotionale Reise.

Am Sonnabend, 26. Januar, 19.30 Uhr, starten Tenor Simon Bode und Pianist Igor Levit mit Franz Schuberts Liedzyklus „Die schöne Müllerin“ im Calder-Saal des Sprengel-Museums die neue Reihe „Lied im Sprengel“. Der Abend ist ein Benefiz-Konzert für die Orchesterakademie der NDR Radiophilharmonie. Karten für 55 Euro gibt es ab Mittwoch, 28, November, 9 Uhr, beim NDR.

Zur Person

Simon Bode ist 1984 in Hamburg geboren. Er studierte bei Charlotte Lehmann in Hannover sowie bei Neil Semer in New York. Der Tenor war Ensemblemitglied an der Oper Frankfurt und ist seit 2017 an der Staatsoper Hannover engagiert. In diesem Sommer debütierte er bei den Salzburger Festspielen. Seit mehr als 15 Jahren arbeitet er mit dem Pianisten Igor Levit zusammen. Levit ist in Hannover zunächst allein bei einem Klavierabend zu hören: Sein Pro-Musica-Auftrott am 1. Dezember im Funkhaus ist seit Langem ausverkauft. Mehr Schubert im Museum gibt es am 16. Dezember: Bariton Mathias Toenges und Pianistin Schaghajegh Nosrati gehen um 19 Uhr im Museum August Kestner auf „Winterreise“.

Von Stefan Arndt

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