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Kultur Neue Tanzreihe startet mit „Balagan Body“
Nachrichten Kultur Neue Tanzreihe startet mit „Balagan Body“
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15:59 03.02.2019
Choreografie der Angst: Patricia Carolin Mai und Eyal Bromberg in „Balagan Body“. Tanzoffensive. Quelle: Pietrojorge
Hannover

Im November 2012 wurde Patricia Carolin Mai unmittelbar Zeugin eines Bombenanschlags in Tel Aviv. Die zentrale Frage, die die junge Hamburger Tänzerin und Choreografin fortan beschäftigte, war: Was macht ein Körper im Extremzustand? Sie kreierte eine dreiteilige Tanzreihe, in der sie sich mit dem Thema auseinandersetzte, indem sie nicht nur eigene Erfahrungen, sondern auch die anderer Menschen in Ausnahmesituationen in Körpersprache übersetzte. Einen Part dieser Trilogie, „Balagan Body“, zeigte sie nun zum Auftakt der dritten Tanzoffensive der hannoverschen Commedia Futura in der Eisfabrik.

Herausforderung für Tänzer und Gäste

Zunächst sah das Premierenpublikum im ausverkauften Schwarzen Saal nur ein Pärchen – Mai selbst sowie den Israeli Eyal Bromberg –, das zu hämmernden Beats wie auf einer Rave Party tanzt: Ekstatisch, euphorisch, entrückt, aber mit recht monotonen Bewegungen. Ein Gitarrist (Samuel Penderbayne) und ein Schlagzeuger (Benjamin Kövener) auf der Bühne unterlegten das Ganze mit so viel Wumms, dass die Veranstalter vor Beginn der Aufführung vorsorglich Ohrstöpsel verteilt hatten. Dieses Stück ist nicht nur anstrengend für die Tänzer, sondern auch für die Besucher.

Tanzoffensive 20198 – das Programm

Das weitere Programm der jetzt gestarteten Tanzoffensive:

„Vis Motrix –Cocoon Dance“: 8. und 9. Februar, jeweils 20 Uhr

„Papierstück – Barbara Fuchs“: 10. Februar, 15 Uhr

Workshops mit Barbara Fuchs und Jörg Ritzenhoff: 11. Februar 13.15 und 15 Uhr

„Holding it all together“: 15. und 16. Februar, jeweils 20 Uhr

„Phobos – Cooperativa Maura Morales“: 22. und 23. Februar, jeweils 20 Uhr

„Welcome to the Comfort Zone – Christian Weiss“: 23. Februar, 22.45 Uhr, und 24. Februar, 20.30 Uhr

„The Fragile Man –Esklan Art Factory“:  1. und 2. März, je 20 Uhr

„Esklan Movements –Erika Silgoner“: 3. März, 11 Uhr.

Weitere Details unter www.eisfabrik.com.

Ein Zurücklehnen, um schöne Schauwerte an sich vorüberziehen zu lassen, ist bei dieser Choreografie und in diesem Raum für das Publikum schier unmöglich. Der fensterlose Saal mit seinen in die Jahre gekommenen steinernen Wänden, die dicht besetzten Zuschauerreihen, die extrem laute Musik, das kalte Licht und das wilde Armrudern und Fußstampfen der Protagonisten sowie die zunehmend schlechter werdende Luft bewirken eine Atmosphäre der Angespanntheit und des Unwohlseins. Man ist in Habachtstellung: Was kommt noch? Wie lange ist das auszuhalten? Fest steht: Der Titel des Stücks ist Programm.

Balagan ist das hebräische Wort für Chaos. Das scheinbar Ungeordnete und Unberechenbare macht Mais Choreografie aus. Auf wen das „gaga“ wirkt, liegt damit genau richtig: Mai hat in Israel bei der renommierten Batsheva Dance Company unter Ohad Naharin, auch Mister Gaga genannt, getanzt. Der international gefeierte Choreograf hat Gaga als eigenen Tanzstil entwickelt, nachdem er sich eine Rückenverletzung zugezogen hatte. Seine Devise lautete danach erst Recht: „Immer in Bewegung bleiben.“ Gaga sieht chaotisch aus, setzt aber auf planvolles Loslassen, Fallen und Vertanzen von Metaphern. Dabei kommen extrem energiegeladene Choreografien heraus, die auch beim Zuschauer das Bedürfnis nach Bewegung schüren.

So greift auch bei Mai der auf der Bühne thematisierte „körperliche Extremzustand“ ein Stück weit auf das Publikum über. Zumal das anfängliche monotone Zucken der Tänzer irgendwann in raumgreifende Bewegungen übergeht. Die Tänzer rennen, fallen zu Boden, zittern und zuckern, bis sie irgendwann schweißüberströmt und mit hochroten Köpfen auf dem Bühnenboden kauern, sich ihrer Kleidung entledigen und in eine Art Schockstarre verfallen. Nur noch die Schultern zucken ein wenig und die Arme schlingen sich immer stärker um den Körper. Dazu drischt Kövener auf das Schlagzeug ein, dass es fast nach Schüssen klingt. Das alles ist sehr beklemmend - und sehr intensiv.

Lob von Jörg Mannes

Diese Intensität sorgt aber auch für ein besonderes Theatererlebnis, sowohl für die Tänzer als auch für die Zuschauer. Denn es tritt ein, was Hannovers Staatsballettchef Jörg Mannes, der von der Commedia Futura als Laudator zur Eröffnung der Tanzoffensive eingeladen worden war, in seiner Ansprache vor Vorstellungsbeginn hervorgehoben hatte: „Wenn die Distanz zum Publikum aufgehoben wird, dann hat Tanz als direkteste Art der Kommunikation eine besonders starke Wirkung.“

Von Kerstin Hergt

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