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Kultur Ostpreußisches Landesmuseum Lüneburg öffnet nach drei Jahren Umbau
Nachrichten Kultur Ostpreußisches Landesmuseum Lüneburg öffnet nach drei Jahren Umbau
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15:48 05.09.2018
Land mit Meer und Weitblick: „Das Rettungshaus in den Dünen“ (1920) von Ernst Mollenhauer, einem Mitglied der Künstlerkolonie Nidden auf der Kurischen Nehrung. Ostpreußischen Landesmuseum. Quelle: Ostpreußisches Landesmuseum
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Lüneburg

„Niemals habe ich meinen Kindern ,Alle meine Entchen‘ vorgesungen“, sagt Ursula Schulze-Resas und fügt mit brechender Stimme hinzu: „Denn das Lied lässt mich immer daran denken lassen, was damals passiert ist.“ Damals, am 30. Januar 1945, als sie selbst noch ein Kind war, rutschte sie von der Außenhaut des schon halb gesunkenen Flüchtlingsschiffes „Wilhelm Gustloff“ ab und fiel ins eiskalte Wasser. „Um mich herum trieben lauter kleine Kinder - zwar in Rettungswesten, aber mit den Beinen über und dem Köpfchen unter Wasser.“

Zu hören ist diese Stimme jetzt in Lüneburg – in einer der vielen Hörstationen des wiedereröffneten Ostpreußischen Landesmuseums. Die Stimme ist ein Zeugnis des Leidens, eine Wortmeldung der vielen unschuldigen Opfer von Krieg und Gewalt. Sie wirft ein Schlaglicht auf die Grauen des 20. Jahrhunderts, auf die traumatischen Folgen von Chauvinismus, Nationalismus und Rassismus. Und sie könnte auch ein Auslöser von Empörung sein, könnte neue Wut über die Opfer von damals munitionieren. Drohen sich alte Kluften damit ausgerechnet in Zeiten eines wieder aufkeimenden Nationalismus auch durch solche historischen Erinnerungen von Neuem aufzutun?

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Lauter Brückenschläge

Museumsdirektor Joachim Mähnert sieht den Sinn der in dreijähriger Arbeit komplett erneuerten Dauerausstellung ganz im Gegenteil darin, Brücken zu schlagen. Zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen regionalhistorischen Besonderheiten und universalgeschichtlichen Themen wie Flucht und Migration, Nationenbildung und Integration. Und nicht zuletzt zwischen Deutschen und den Polen und Russen, zu deren Staatsgebiet das einstige Ostpreußen heute gehört. Sowie zu den benachbarten Baltenstaaten, in denen gleichfalls Spuren deutscher Kultur zu finden sind, weil es dort eben eine starke deutsche Minderheit gab.

Und wie funktionieren solche Brückenschläge? In der Hörstation ist, gleich neben der Zeitzeugenaufzeichnung der „Gustloff“-Überlebenden, die Stimme des Sudanesen Mahmoud Hassan Hota zu hören, der von seinen Untergangsängsten auf einem Schlauchboot im Mittelmeer berichtet. Und in der Ausstellung wird zwar außer an die Flucht gen Westen auch an die Deportation deutscher Zivilisten nach Osten, in Arbeitslager in Sibirien, erinnert. Doch wer den Museumsdirektor auf das Stichwort Vertreibung anspricht, bekommt statt der deutschen Opferperspektive zunächst die der ersten Betroffenen präsentiert: „In Ostpreußen waren Polen und Juden 1939 die ersten Opfer der Vertreibung“, sagt Mähnert und zeigt auf eine Landkarte des KreisesCiechanów/Zichenau, aus dem die Deutschen 1939 gleich 800.000 Polen und 80.000 Juden deportiert haben – und nur die 15.000 Angehörigen der deutschen Bevölkerung bleiben durften.

Die über drei Stockwerke auf 2000 Quadratmetern eingerichtete Dauerausstellung ist voller Beispiele für einen solchen Perspektivwechsel. Sei es, dass derart das Leiden der anderen dem eigenen Leid gegenübergestellt wird, sei es, dass Mythen von ethnischer oder religiöser Monokultur im damaligen Ostpreußen aufgebrochen werden. Da sieht man die in Hannover geborene Philosophin Hannah Arendt als Kleinkind auf dem Arm ihres Großvaters Max Arendt, des Vorsitzenden der Stadtversammlung von Königsberg, da steht eine Menora neben einer Fotografie der Neuen Königsberger Synagoge, da erinnert eine Grafik an das Ermland, die katholische Enklave im protestantischen Ostpreußen. Kurz, da wird die ganze Region als Begegnungsstätte von Deutschen und Polen, von jüdischen und christlichen Strömungen, von baltischen und russischen Minderheiten kenntlich.

Rückblick ohne Nostalgie

Keine Frage, dieser Abgleich der Erinnerungserzählungen zwischen den Ethnien, den Kulturen und Religionsgruppen ist vorbildlich. Er eröffnet, passend zur Landschaft Ostpreußens, erhellend weite Horizonte. Denn die Ausstellung bietet jene Reflexionsleistung, die die moderne Kulturwissenschaft fordert und damit genau das, was die Friedenspreisträgerin Alida Assmann die zivilgesellschaftliche Alternative zu einem „Bürgerkrieg der Erinnerung“ nennt - eine zeitgemäße „Erinnerungskultur“ eben.

In chronologischer Abfolge erinnert die Ausstellung dabei auch an die historische Bedeutung der Region. Von den dort einst beheimateten „Pruzzen“, auf die der Name Preußen zurückgeht, bis zum kulturellen Beitrag Ostpreußens noch für das heutige Deutschland: Immerhin hat Königsberg Immanuel Kant hervorgebracht, war das 1525 entstandene Herzogtum Ostpreußen das erste protestantische Land der Welt, haben von Simon Dach und Johann Christoph Gottsched über Arno Holz, Werner Bergengruen und Johannes Bobrowski bis zu Siegfried Lenz zahlreiche Ostpreußen zur Literatur beigetragen. Groß und teils geradezu großartig ist die Kunstsammlung des Museums – darunter Werke von Käthe Kollwitz, des Impressionisten Max Slevogt und des Expressionisten Ernst Mollenhauer, die alle aus Ostpreußen stammen. Ein Raum ist den Glocken ostpreußischer Kirchen, einer der Pferdezucht, einer der Bernsteinkultur gewidmet.

Die Stadt Lüneburg ist nach dem Zweiten Weltkrieg zur neuen Heimat von Vertriebenen insbesondere aus Ostpreußen geworden. Zwischen 1937 und 1950 ist die Stadt von 27.000 auf 60.000 Einwohner angewachsen. Im ganzen Regierungbezirk lebten 1946 528.000 Menschen, darunter nur 154.000 Einheimische. 182000 waren Flüchtlinge aus Ostdeutschland oder ehemaligen Zwangsarbeiter, 192.000 waren Vertriebene aus Ostpreußen, Schlesien, Pommern und anderen Gebieten, weshalb die Region kurz „Klein-Ostpreußen in der Heide“ genannt wurde. Die neue Dauerausstellung dokumentiert auch Beispiele für die Integration der Flüchtlinge, die als besonders bildungsorientiert galten und teils besondere Fertigkeiten mitbrachten - vom Spediteur, der als Fuhrmann im Osten begonnen, bis zum Marzipanbäcker, der sein Handwerk in Königsberg erlernt hatte.

Doch kann ein solcher Rückblick entschädigen? Nostalgie, Volks- und Naturverklärung prägten den musealen Vorläufer des Hauses, das der Forstmeister und Landsmannschaftsfunktionär Hans-Ludwig Loeffke 1958 als „Ostpreußisches Jagdmuseum – Wald, Wild und Pferde“ gegründet hatte. Klar, zu Ostpreußen gehörten auch weitläufige Jagden, die ebenso aufgegeben werden mussten wie das Trakehnergestüt von Rominten. Dabei nützt das Lamento über Verluste wenig. Das wussten weitsichtige Politiker schon vor einem halben Jahrhundert. „Eine Flucht vor der Wirklichkeit schafft gefährliche Illusionen“, warnte Kanzler Willy Brandt 1970 in einer Rede zum damals von den Vertriebenenverbänden heftig bekämpften Warschauer Vertrag. „Er soll Brücken schlagen, um zu einer europäischen Friedensordnung zu gelangen.“

Erst 1987 entstand in Lüneburg das Museum unter seinem heutigen Namen. War dessen vor 30 Jahren gestaltete Ausstellung reformbedürftig, weil sie abgestandenen Geist, womöglich gar „ewiggestrigen“, versprühte? „Keineswegs“, sagt Mähnert, „sie war sehr sachlich, faktenreich, eher trocken – was wir heute präsentieren, ist viel farbiger.“ Doch die Schau habe von vornherein nicht in eine Zeit gepasst, in der Kanzler Helmut Kohl eine „geistig-moralische Wende“ verkündete und der gesellschaftliche Zeitgeist zugleich noch eher linksliberal geprägt war. „Da gab es Protest bis hin zu Demonstrationen gegen die vermeintliche Verklärung Ostpreußens.“

„Unvermeidlich rückwärtsgewandt“?

Allerdings: Damals war das Museum vom Bund und dem Land Niedersachsen mit der Auflage gefördert worden, dass der Erzählrahmen mit der Vertreibung enden sollte. „Die Dauerausstellung war damit unvermeidlich rückwärtsgewandt“, sagt Mähnert. Erst in der neuen Schau ist die Brandt-Rede zu hören. Erst jetzt wird auch die sehr unterschiedliche Integration der Vertriebenen in Ost- und Westdeutschland, wird auch der Streit um das Deutschland in den Grenzen von 1937 („Dreigeteilt? Niemals!“) reflektiert. Und erst in jüngerer Zeit gibt es auch Brückenschläge über das Lüneburger Museum hinaus. „Sechs Ausstellungen im Jahr gestalten wir zusammen mit Partnern in Polen, Russland, Litauen, Lettland und Estland“, sagt Mähnert. „Dazu gibt es Studienreisen mit Erwachsenen, Schülern und Studenten.“

Kooperation statt Konfrontation also. Und lauter gute Gelegenheiten, das Leiden der anderen wahrzunehmen, die eigenen Erzählungen mit denen der anderen abzugleichen.

Ostpreußisches Landesmuseum, Heiligengeiststraße 38 in Lüneburg. Details unter www.ostpreussisches-landesmuseum.de.

Von Daniel Alexander Schacht