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Kultur Pavel Haas Quartett spielt in der Orangerie
Nachrichten Kultur Pavel Haas Quartett spielt in der Orangerie
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12:17 06.10.2018
Klang als DNA: Das Pavel Haas Quartett.
Klang als DNA: Das Pavel Haas Quartett. Quelle: Marco Borggreve
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Hannover

 Es gibt hier keine Ecke, die nicht eingeknickt wäre. Die Seiten sind übersät mit Bleistifteintragungen, und lange Streifen von Tesafilm flicken Risse oder halten zusätzlich eingeklebte kopierte Blätter: Die Noten, die beim Auftritt der Pavel Haas Quartetts in der Orangerie auf Pulten vor den Musikern stehen, werden erkennbar intensiv genutzt. Fast erstaunlich also, dass sie hier kaum eines Blickes gewürdigt werden. Cellist Peter Jarůšek etwa hat nur Augen für seine Kollegen – beständig hält er Blickkontakt zu ihnen. Und wenn er doch einmal die Noten umblättert, sind es gleich mehrere Seiten auf einmal.

Das Verhältnis zu den Noten erzählt viel über den Charakter des tschechischen Streichquartetts. Die Musiker haben die Partitur bis ins letzte Detail verinnerlicht und dabei eine Freiheit gewonnen, die nichts mehr mit sklavischer Nachahmung zu tun hat. Der Klang des Quartetts unterscheidet sich deutlich von dem anderer Ensembles. Er scheint sich nach oben hin zu verjüngen: Die erste Geigerin Veronika Jarůšková spielt sanft und leise leuchtend – ganz anders als ihr Mann, der am Cello kraftvoll zulangt. Bratsche und zweite Geige balancieren geschickt zwischen diesen Extremen, die sich so doch zu einem harmonischen Ganzen fügen. Ein ungewöhnlich schnelles und starkes Vibrato komplettiert diese klangliche DNA des Quartetts.

Im ersten Konzert der Hauptreihe von Kammermusik Hannover präsentieren die Tschechen ein rein tschechisches Programm, das perfekt dazu passt. Im zweiten Quartett von Bedrich Smetana zeigen sie, dass in diesem Komponist mehr steckt, als „Moldau“ und „Verkaufte Braut“ vermuten lassen: Vom volkstümlichen Kern, den es auch hier gibt, wird die Musik in alle Richtungen experimentell gedehnt. Verglichen damit wirkt Dvoráks spätes As-Dur-Quartett fast schon enttäuschend konventionell. Leos Janácek erstes Streichquartett mit dem Beititel „Kreutzersonate“ schließlich wird hier mit seinen flirrenden Akkordflächen zu einem glühenden Stück Musik. Die zugegebene Bearbeitung eines Dvorák-Liebeslieds schließt einen ungewöhnlichen, faszinierenden Abend.

Die nächsten Konzerte bei Kammermusik Hannover in der Orangerie: Am 22. Januar ist das Trio Isimsiz in der „Jungen Reihe“ zu hören, am 15. Februar spielen Baiba Skride, Daniel Müller-Schott und Xavier de Maistre.

Von Stefan Arndt