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Nachrichten Kultur Die hannoversche Pianistin Claire Huangci
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15:15 28.11.2018
„Das ist jetzt abgehakt“: Claire Huangci. Quelle: Gregor Hohenberg
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Hannover

 Die Sache mit der Sprache ist wohl typisch für Claire Huangci. 2007 kam sie mit 17 Jahren aus ihrer Heimatstadt Philadelphia nach Hannover, um hier an der Musikhochschule Kavier zu studieren. Mit ihrem Professor, dem israelischen Pianisten Arie Vardi, konnte sie Englisch reden – genau wie mit den meisten Kommilitonen. Deutsch zu lernen kam ihr so gar nicht in den Sinn. Viel Zeit dafür hätte sie ohnehin nicht gehabt: Wer Klavier studiert, muss üben. Sehr viel üben.

Die Pianistin Claire Huangci

Nach und nach aber wurde Hannover vom fremden Studienort doch zur Heimat für die US-amerikanische Pianistin mit chinesischen Wurzeln. „Als ich einmal bei meinen Eltern in Philadelphia war, hatte ich plötzlich Heimweh nach Hannover“, erzählt sie. Da beschloss sie, endlich doch deutsch zu lernen. Eine Sprachschule kam für Huangci nicht infrage – sie nahm lieber Netflix zum Lehrer: 2017 sah sie sich bei dem Streamingdienst die Serie „How I Met Your Mother“ auf Deutsch an: erst mit englischen Untertiteln, dann ohne. Heute spricht sie fast akzentfrei deutsch.

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Das Lernen scheint der Pianistin auch am Klavier nicht besonders schwerzufallen: Während die meisten Pianisten sich mit zwei Konzertprogrammen pro Jahr begnügen, hat Huangci bis zu sieben verschiedenen Programme gleichzeitig parat. „Sonst kann sich leicht das Gefühl einstellen, ich würde mich wiederholen.“ Das will Huangci unbedingt vermeiden: „Wir Musiker müssen beim Spielen immer etwas spontan dazugeben. Sonst geht die Magie verloren.“

Diese Magie scheinen viele Hörer in Huangcis Spiel wahrzunehmen: Sonst würde die Pianistin nicht längst zum kleinen Kreis der international erfolgreichen Solisten gehören. Die 28-Jährige hat einen Plattenvertrag bei Berlin Classics und gibt ihr Wissen an jüngere Pianisten weiter. An der Musikhochschule ist sie heute Assistentin ihres ehemaligen Lehrers Vardi.

Ein riskanter Wettbewerb

Insofern war es nicht ohne Risiko, dass Huangci, die die wichtigen ersten Karriereschritte schon erfolgreich gegangen ist, sich fünf Jahre nach ihrer letzten Teilnahme in diesem Sommer noch einmal für einen Klavierwettbewerb angemeldet hat: Wettbewerbe können die Stars von morgen hervorbringen. Huangci aber hatte bereits einen guten Ruf zu verlieren. Wie würde es aussehen, wenn eine schon so bekannte Pianistin in der ersten Runde des brühmten Concours Gèza Anda in Zürich scheitern würde?

„Wettbewerbe sind zu einem gewissen Zeitpunkt wichtig“, sagt sie – und hat damit auch früh begonnen. Zum ersten Mal ganz oben auf dem Siegertreppchen eines internationalen Wettbewerbs stand sie in Hannover: Am Tag ihres 18. Geburtstags gewann sie den Wettbewerb der Chopin-Gesellschaft Hannover.

Dieser Preis ist vor allem als Vorbereitung zur Teilnahme an größeren Wettbewerben gedacht. Huangci nutzte diese Chance und stellte sich andernorts der Konkurrenz: 2011 gewann sie schließlich den zweiten Preis beim renommierten Musikwettbewerb der ARD in München. „Das Schlimmste, was es gibt, ist ein zweiter Preis“, sagt sie heute darüber: „Man war so nah dran – und hat doch nicht gewonnen.“

Der Weg zu den Klassikern

Zürich hat sie nun auch gereizt, weil sie hoffte, ihr Repertoire zu zu verbreitern. Bislang wollen die Konzertveranstalter von Huangci Chopin oder russische Komponisten hören, bei Mozart und Beethoven wird sie kaum gefragt. Dabei war sie vor allem wegen dieser Musik zum Studieren nach Deutschland gekommen. Im Juni schließlich stand fest, dass sich ihr hoher Einsatz gelohnt hatte: Huangci gewann beim Concours Gèza Anda gerade wegen ihrer Interpretation der Klassiker den ersten Preis.

Mit dem Sieg sind zahlreiche Konzerte in aller Welt verbunden, in denen Huangci sich nun auch mit Werken präsentieren kann, die sie bisher weniger gespielt hat. „Es ist wichtig, dass man nach einem Wettbewerb möglichst schnell aus der Kategorie der Gewinner herauskommt“, sagt sie. „Man muss einen eigenen Platz finden.“ Sorgen, ihr könne das Etikett der Gewinnerin unnötig lange anhaften, braucht sie aber nicht ernsthaft zu haben – sie ist längst schon viel mehr.

Wichtig ist ihr der Erfolg aber auch in einer anderen Hinsicht: „Ich hatte bislang noch keinen der ganz wichtigen Wettbewerbe gewonnen“, sagt sie. „Das ist jetzt abgehakt.“ Genau wie die Sache mit dem Deutsch.

Am Freitag, 30 November, spielt Claire Huangci bei der Chopin-Gesellschaft Hannover in der Christuskirche. Beginn ist um 18 Uhr. Bei Berlin Classics ist gerade ihre Gesamteinspielerung der „Préludes“ von Sergei Rachmaninow erschienen.

Von Stefan Arndt