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Nachrichten Kultur Rebecca Saunders erhält Ernst-von-Siemens-Musikpreis
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13:23 17.01.2019
Zugespitzt: Rebecca Saunders hat außer dem Rotstift immer zwei Sorten Bleistifte parat: eine mit der Härte 2B für die Arbeit in Deutschland – und eine etwas weichere, die sie im feuchten britischen Klima benutzt. Quelle: Ernst-von-Siemens-Stiftung
Hannover

Die britische Komponistin Rebecca Saunders, die an der Musikhochschule Hannover lehrt, erhält in diesem Jahr den Ernst-von-Siemens-Musikpreis. Die mit 250 000 Euro dotierte Auszeichnung wird seit 1974 vergeben und gilt als eine der wichtigsten in der Musikwelt. Bisherige Preisträger waren unter anderem die Komponisten Benjamin Britten und György Ligeti sowie Interpreten wie Herbert von Karajan und Yehudi Menuhin. Saunders ist nach Anne-Sophie Mutter erst die zweite Frau, die geehrt wird. Seit 2012 ist sie Professorin für Komposition in Hannover, derzeit ist sie aus familiären Gründen beurlaubt.

Saunders wurde 1967 in London geboren und lebt seit Jahren in Berlin. Gleich gegenüber ihrer Altbauwohnung im Prenzlauer Berg hat sie einen zusätzlichen Raum als Arbeitszimmer eingerichtet. Die nackten Holzbohlen und die Wände sind weiß gestrichen, links und rechts des großen Schreibtisches hat sie die fertigen Seiten ihrer neuen Komposition an die Wand gepinnt – einem Orchesterstück für 17 Spieler, das im Mai in Wien uraufgeführt werden soll.

Durch Komponieren sichtbar machen, was vorher unsichtbar war: Rebecca Saunders in ihrem Berliner Arbeitszimmer. Quelle: Ernst-von-Siemens-Stiftung

Auf dem Boden an der Seite steht ein altes Radio in edlem Holzgehäuse. „Ein wunderschönes Objekt“, sagt die Komponistin. „Ich habe früher damit Radio gehört. Jetzt mag ich den Gedanken, dass wir jederzeit von Radiofrequenzen umgeben sind. Die Luft ist mit Frequenzen gesättigt. Man braucht so ein Gerät, um sie zu isolieren, auszufiltern und anhören zu können.“ So sei es auch beim Schreiben von Musik: „Man enthüllt etwas Verborgenes aus der Stille und rahmt es komponierend ein.“ Ein Musikstück, glaubt Saunders, kann etwas sichtbar machen, was vorher unsichtbar war. Das bedeutet aber nicht, dass der Komponist nur ein Verstärker sei. „Es ist sehr wichtig, dass ein Komponist Musik schreibt, an die er wirklich glaubt. Dass er sich nicht fremde Ausdrucksmöglichkeiten oder Klangsprachen aneignet, sondern sich die harte Arbeit macht, herauszufinden, was er wirklich schreiben muss.“

Saunders hat bisher mehr als 60 Werke schreiben müssen, die regelmäßig gespielt werden. Zuletzt hat sie „Hauch“ veröffentlicht, ein Stück für Sologeige, das sie 2018 im Auftrag des hannoverschen Joseph-Joachim-Violinwettbewerbs komponiert hat. Es sei spannend gewesen, das Werk in einem Wettbewerb zu hören, bei dem es eigentlich darum gehe, wer der brillanteste Geiger ist. „Das Stück ist aber sehr intim und in sich hineinschauend“, sagt sie. „Ich wollte den Teilnehmern ermöglichen, darüber nachzudenken, was sie tun, und sie ermuntern, neue Klänge und Ausdrucksmöglichkeiten zu suchen.“ Inzwischen entwickelt „Hauch“ über den Wettbewerb hinaus ein Eigenleben im Konzertbetrieb, eine befreundete Geigerin hat es bereits in ihr Rezitalprogramm aufgenommen.

Rebecca Saunders beim 10. Internationaler Joseph Joachim Violinwettbewerb im Oktober in Hannover. Quelle: Helge Krückeberg

Zur Komposition von „Hauch“ wurde Saunders durch eine spezielle Gestik beim Geigen angeregt – ein typischer Vorgang für die Komponistin. „Ich brauche sehr wenig, um eine neue Komposition anzufangen“, sagt sie: „Das kann ein kurzer Klang sein, der mich innehalten lässt. Es kann aber auch der Moment zwischen zwei Klängen sein oder ein Wort aus einem Text, von dem ich denke, dass darin ein faszinierendes Potenzial steckt, das ich mit meiner Musik untersuchen möchte.“

Von der Inspiration bis zum fertigen Stück kann es allerdings eine Weile dauern. „Ich habe fast 25 Jahre gebraucht, um etwas für Sopranstimme zu schreiben – ein Vierteljahrhundert, um einen Text zu vertonen“, sagt sie über ihr 2017 uraufgeführtes Stück „Yes“, für das sie den Monolog der Molly Bloom aus „Ulysses“ von James Joyce zur Grundlage genommen hat.

So viel Zeit will sich sich nun aber nicht mehr nehmen. „Ich bin in ein Alter gekommen, in dem ich spüre, dass ich sterblich bin“, sagt die 51-Jährige. „Mir ist bewusst, dass ich nicht unendlich viele Werke schreiben kann.“ Darum möchte sie keine Zeit mehr verschwenden. „Mit jedem Stück gehe ich ein Risiko ein“, sagt Saunders. „Ich stehe vor eine Leere. Wenn ich vorher weiß, wohin das führt, fange ich nicht mal an.“

Das gilt auch für das neue Orchesterstück an der Wand in ihrem Arbeitszimmer: Bislang hat sie sieben Minuten und zehn Sekunden Musik zu Papier gebracht – noch nicht genug für die Uraufführung im Mai. „Es fehlen noch 15 oder 20 Seiten“, schätzt die Komponisten und wirkt dabei ganz unbesorgt: Um diese Leere zu überwinden, braucht sie wohl keine 25 Jahre mehr.

Rebecca Saunders Stück „Yes“ ist am 26. Mai mit dem Ensemble Musikfabrik und der Sopranistin Juliet Fraser bei den Kunstfestspielen Herrenhausen in der Galerie zu hören.

Von Stefan Arndt

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