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Region Besucherrekord: 33.000 Gäste beim Festival in Herrenhausen
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10 Jahre Kunstfestspiele : Das Wunder von Herrenhausen

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01:15 29.05.2019
Ein Festivalerlebnis: Pierre-Laurent Aimard spielt den „Catalogue d’Oiseaux“ von Olivier Messiaen im Großen Garten. Quelle: Foto: Helge Krückeberg
Hannover

Sie müssen leider draußen bleiben: Erwartungen und Gewohnheiten sind bitte an der Garderobe abzugeben. Ehering, Handy und Armbanduhr – alles, was man üblicherweise gern in Griffweite hat, wird nur stören, versichert die neuseeländische Künstlerin Kate McIntosh vor Beginn ihrer Performance „In Many Hands“. Wobei genau die Dinge stören werden, sagt sie allerdings nicht. Nur so viel: „Es geht hier eher nicht um Worte.“ Aha.

33.000 Besucher bei der 10. Ausgabe der Kunstfestspiele Herrenhausen

Die Aufführung von „In Many Hands“ am Wochenende, die sich als ein später Höhepunkt der zehnten Ausgabe der Kunstfestspiele Herrenhausen erweisen sollte, ist typisch für das gesamte Festival: In Herrenhausen weiß der Besucher eigentlich nie, was ihn erwartet. Anders als bei vielen anderen Veranstaltungen bekommt er eben nicht das zu hören oder zu sehen, was er ohnehin schätzt. Sondern oft etwas Neues, Überraschendes. Die Kunstfestspiele sind ein Festival für Entdecker.

Keine Angst vor Entdeckungen

Im zehnten Jahr ihres Bestehens scheint sich endgültig herumgesprochen zu haben, dass man das nicht fürchten muss: Die erstaunliche Menge von 18.500 Besucher hat sich in diesem Jahr darauf eingelassen, solche Entdeckungen zu suchen. Die Auslastung der Veranstaltungen lag damit bei 90 Prozent. Dazu kommen weitere 15.000 Gäste beim Geburtstagsfest der Kunstfestspiele, die bei freiem Eintritt künstlerische Kostproben vom besonderen Geist des Festivals geboten bekamen und davon überwiegend begeistert waren.

Insgesamt haben so mehr als 33.000 Menschen die Kunstfestspiele besucht – ein Rekord, der Mut für die Zukunft macht. „Vor allem mit dem Erfolg unseres Geburtstagsfests haben wir gezeigt, dass die Kunst, die wir zeigen, für alle offen steht“, bilanziert der zufriedene Intendant Ingo Metzmacher zum Abschluss des Festivals. „Die Fangemeinde der Kunstfestspiele ist wieder gewachsen.“

Das Ende der Skepsis

Dass die Akzeptanz der Kunstfestspiele so deutlich gestiegen ist, ist eigentlich ein Wunder. Der Start des Festivals vor zehn Jahren war schließlich mehr als rumpelig. Der Ärger um zu viele ausgegebene Freikarten, der den Beginn der Intendanz von Elisabeth Schweeger überschattete, war dabei nur der sichtbarste Ausdruck einer Skepsis gegenüber eines Angebots, das vielen in der Stadt als elitär und unzugänglich erschien.

Kompromisse im Programm macht allerdings auch Ingo Metzmacher nicht, der die Kunstfestspiele seit 2015 leitet: Das Festival präsentierte auch im Jubiläumsjahr Kunst der härteren Gangart. Gleich zur Eröffnung etwa gab es die rätselhafte Oper eines kaum bekannten kanadischen Komponisten, die selbst Experten höchstens vom Hörensagen kannten. Dazu kamen eine Shakespeare-Werkschau mit Spülmittelflaschen und Chipsdosen in den Hauptrollen, eigenwillige Brückenschläge zwischen ganz alter und ganz neuer Musik und eine fabelhaft überästhetisierte Wiedergeburt der antiken Tragödie in einer Turnhalle. Ein Konzert mit Werken von Frank Zappa in der Eilenriedehalle konnte da fast schon verbraucherfreundlich erscheinen.

Erstaunliche Sinneseindrücke: Szene aus der Performance „In Many Hands“ Quelle: Dirk Rose

Doch so verschieden und sonderbar die einzelnen Vorstellungen auch sein mögen – sie ähneln sich in ihrer großen Qualität. Man kann sich inzwischen darauf verlassen, dass fast alles, was Metzmacher und der erfahrene Kunstfestspiel-Dramaturg Stephan Buchberger im Festival zeigen, einen Besuch lohnt: Die Programmmacher haben dafür gesorgt, dass der hier erforderliche Mut zur Entdeckung durch das Vertrauen abgemildert wird, dass dieser Mut sich auch auszahlen wird.

Ein berührender Abend

Das war auch am letzten Festivalwochenende zu erleben: Der Pianist Pierre-Laurent Aimard spielte mit dem „Catalogue d’Oiseaux“ von Olivier Messiaen ein Schlüsselwerk der Moderne – verteilt auf vier Konzert nachmittags, abends, nachts und am frühen Morgen – und ermöglichte so bei seinen Auftritten im Freien, bei denen sich die echten Vogelstimmen mit denen im tönenden Katalog des französischen Komponisten mischen, Erlebnisse, wie sie nur ein Festival bieten kann. In Kate McIntoshs Performance „In Many Hands“ schließlich sorgten die Besucher sogar selbst dafür: Sie setzten sich den erstaunlichen Sinneseindrücken aus, die McIntosh über sie hereinbrechen ließ, während sie einander in ungewohnter, aber nicht übergriffiger Intimität an den Händen hielten. So muss man nicht einmal pathetisch werden, um zu beschreiben, was diese Performance mit vielen anderen Veranstaltungen der Jubiläumsausgabe gemein hatte: Es war ein berührender Abend.

So geht es weiter

Die elfte Ausgabe der Kunstfestspiele findet vom 15. Mai bis zum 1. Juni 2020 statt. Am 24. Mai dirigiert Ingo Metzmacher eine Aufführung von Gustav Mahlers 8. Sinfonie, der „Sinfonie der Tausend“ mit hannoverschen Chören und Orchestern im Kuppelsaal, am 29. Mai spielt das Quatuor Diotima alle Streichquartette von Arnold Schönberg. Das vollständige Programm wird im Januar veröffentlicht. Ingo Metzmachers Vertrag als Intendant in Herrenhausen läuft noch bis 2021 – der 61-Jährige wird also auch die 12. Festivalausgabe im übernächsten Jahr gestalten.

Von Stefan Arndt

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