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Region Was George Orwell 1945 über 2020 schrieb
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75 Jahre nach seiner Veröffentlichung ist George Orwells Essay „Notes on Nationalism“ nun auf Deutsch erschienen

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14:00 31.01.2020
Teil des Umgangs mit Nationalismus ist Protest. Hier 2016 vor dem Landesparteitag der AfD in Baden-Württemberg. Quelle: Silas Stein / dpa
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London

Mindestens zwei Gründe liegen auf der Hand, warum dieser Essay genau zur richtigen Zeit erscheint: der Brexit in Großbritannien und sich verstärkender Nationalismus überhaupt. Wobei, wer eine richtige Zeit erkennt, meist schon spät dran ist.

An George Orwell (1903–1950) liegt es nicht. Der englische Schriftsteller („1984“) und Essayist veröffentlichte „Notes on Nationalism“ bereits 1945 im Magazin „Polemic“. Jetzt ist „Über Nationalismus“ zum ersten Mal auf Deutsch erschienen – mit einem Nachwort des Soziologen Armin Nassehi.

Jenseits der Fakten

Wer kennt sie nicht: Prophezeiungen, die sich als falsch erweisen, weil sie „nicht auf einer Analyse der wahrscheinlichen Tatsachen“ beruhten. „Politische oder militärische Beobachter können wie Astrologen fast jeden Missgriff überleben, weil ihre devoten Anhänger keine Einschätzung der Fakten, sondern die Stimulation nationalistischer Loyalitäten von ihnen erwarten“, schreibt Orwell. Das klingt nach jenen an Entsetzen grenzenden Überraschungen, zu denen das Brexit-Votum 2016 gehört oder die Ergebnisse politischer Wahlen auch in Deutschland. Man möchte Orwells Sätze in jede Talkshow-Runde rufen: „Nationalismus ist Machthunger gedämpft durch Selbsttäuschung.“

In Abgrenzung vom Patriotismus, den der Autor als „Verbundenheit mit einem bestimmten Ort und einer bestimmten Lebensweise“ definiert, als „von Natur aus defensiv, militärisch wie kulturell“, sieht er Nationalismus als eine Geisteshaltung, die sich nicht immer mit Nation verbinde, sondern mit Religionen, Ideologien, einer Klasse.

„Nationalismus ist Machthunger gedämpft durch Selbsttäuschung.“ George Orwell (1903–1950), Schriftsteller, Essayist. Quelle: DPA/Wire

Orwell beschreibt Identifikationen mit einer Einheit, um diese „jenseits von Gut und Böse zu verorten und keine andere Pflicht anzuerkennen als die, deren Interessen zu befördern“. Als Hauptmerkmale nationalistischen Denkens nennt er Obsession, Instabilität und Gleichgültigkeit gegenüber der Realität. Er klassifiziert Nationalismus in: positiven, übertragenen und negativen. Und macht – für sein Land in seiner Zeit – fünf Typen aus: britischer Tory, Kommunist, irischer Nationalist, Trotzkist, Pazifist.

„Man ist exklusiv Mitglied oder Anhänger entweder der einen oder der anderen Gruppe“, greift der Soziologe Armin Nassehi die Charakterisierungen im Nachwort auf. Das schließe so etwas wie eine wechselseitige Verständigung aus. Der Wissenschaftler nutzt Orwells Essay als „diagnosefähiges Instrument“ und verstärkt ihn für heutige Leser, indem er ihn sowohl historisch liest als auch aktuell. Orwell hat sich hier wie in den Dystopien „Farm der Tiere“ und „1984“ mit Unterdrückungssystemen beschäftigt, mit deren Attraktivität für Intellektuelle, der Deformation durch Kollektivansprüche.

„Gegen Aufklärung resistent“

Weil Nationalismus, wie Nassehi weiterführt, selbstbezogen sei und darum „gegen Aufklärung resistent“, eine selbsttragende Form und deshalb im Kern unsicher, versehe der Nationalist das Eigene mit einer Erhabenheit, „die sich bis ins Lächerliche steigern kann“. Und in Hass. Oder wie Orwell Diskussionskultur erklärt: „Es muss nur ein bestimmter Ton getroffen oder an einen sensiblen Punkt gerührt werden (...), und die unvoreingenommenste und sanftmütigste Person verwandelt sich mit einem Mal in einen brutalen Parteigänger, der unbedingt gegenüber seinem Widersacher ,punkten’ will und dem es egal ist, wie viele Lügen er erzählt und wie vielen logischen Irrtümern er dabei aufsitzt.“

Nationalistische Liebes- und Hassgefühle „gehören bei den meisten von uns zur Grundausstattung, ob wir wollen oder nicht“. Sie zu bekämpfen sah George Orwell 1945 vor allem als eine moralische Anstrengung. Er hätte seinen Text auch „2020“ nennen können.

c Quelle: c

George Orwell: Über Nationalismus. Essay. Mit einem Nachwort von Armin Nassehi. Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn. dtv; 64 Seiten, 8 Euro.

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Von Janina Fleischer

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