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Region Lann Hornscheidt und Selma Gather im Literarischen Salon
Nachrichten Kultur Region Lann Hornscheidt und Selma Gather im Literarischen Salon
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00:16 03.05.2019
Moderatorin Charlotte Milsch mit Lann Hornscheidt und Selma Gather. Quelle: Konstantin Tönnies
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Hannover

„Aber in der Ausbildung der Juristen geht es doch um Gerechtigkeit“ - als Charlotte Milsch, Moderatorin des Literarischen Salons, diesen Satz sagt, geht ein lautes, fast hysterisches Lachen durch den großen Hörsaal, in dem der Salon zu Gast ist. Viele angehende Juristen sind zu der Veranstaltung gekommen. Sie wissen anscheinend, dass es mit der Gerechtigkeit im Jurastudium nicht so ganz einfach ist.

Einem besonderen Problembereich im Jurastudium widmet sich Selma Gather. Sie hat einen Blog initiiert, der Stereotypen und Geschlechterzuschreibungen in Fallbeispielen zum Thema hat. Fallbeispiele sind wichtig in der Juristinnenausbildung. Selma Gather und ihre Mitstreiterinnen weisen darauf hin, dass die weibliche Form in solchen Beispielen oft derart verwendet wird, dass sie Stereotypen bedient – weiblich sind die Beispielfiguren etwa, wenn es um den Kauf von Mode geht, als Geschäftsführer treten weiterhin meist Männer auf. Und die Namen dubioser Gebrauchtwagenverkäufer würden in juristischen Beispieltexten oftmals mit „Ö.“ oder „Ü.“ abgekürzt – eine unterschwellige Diskriminierung von Mitbürgern, die einen türkischen Namen tragen. Selma Gather berichtete von der Arbeit an dem Blog, der solche Probleme benennt – und von den Anfeindung, denen sie und ihre Mitstreiterinnen ausgesetzt sind.

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Lann Hornscheidt befand sich auch auf dem Podium. Die Person beschäftigt sich wissenschaftlich mit Linguistik und Skandinavistik und legt Wert darauf, keinem Geschlecht zugeordnet zu werden. Die Verwendung der Wörter „Sie“ oder „Er“ sollte also ausgeschlossen sein, wenn jemand über Lann Hornscheidt schreibt.

Sprache ist veränderbar

Die Person pflegt in ihrer linguistischen Forschung einen radikal konstruktivistischen Ansatz. Sie, also die Person Hornscheidt, geht davon aus, dass Sprache nicht nur im Gebrauch, sondern auch als System von Menschen gemacht und daher veränderbar sei. Wer Sprache so nutzt, wie sie gemeinhin genutzt wird, würde bei der „Verfestigung einer sozialen Konstruktion“ mitwirken. Person Hornscheidt schreibt nicht von Diskriminierung sondern von Gewalt. Sprachliches Handeln fördere gruppenbezogene Zuschreibungen, verfestige gewaltvolle Strukturen, grenze aus.

Hornscheidt sagt: „Es ist nicht möglich, gewaltfrei zu sprechen“. Respektvolles Sprechen könne immer nur ein Versuch sein. Wenn das unbequem sei und den Sprachfluss störe, sei das nicht weiter schlimm, weil solche Irritationen ja nur auf tieferliegende gesellschaftliche Probleme hinweisen würden. Zur Sternchenlösung, mit der in Hannover die Gendergerechtrigkeit in der Verwaltungssprache angestrebt wird, sagt die Person: „Es ist die Struktur, die diskriminiert; da reicht es nicht, einfach nur ein Sternchen anzuhängen.“

Bedenklich wird Hornscheidts Argumentation, wenn es um das Thema Meinungsfreiheit ging. „Gewalt ist keine Meinungsfreiheit“, sagt Lann Hornscheidt. Das bedeutet: Wenn für diese Person Diskriminierung Gewalt ist, hat sie das Recht, diskriminierende Äußerungen zu unterbinden.

Da wäre – gerade auch vom juristischen Nachwuchs – ein deutlicher Einspruch angebracht gewesen.

Am Montag, 6. Mai, ist der Dramaturg und Autor Bernd Stegemann zu Gast im Literarischen Salon. Er spricht über die Initiative „Aufstehen“ und sein Buch „Die Moralfalle“.

Von Ronald Meyer-Arlt