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Ausstellung „Beyond the Black Atlantic": Wie sich Kulturen im Kunstverein vermischen

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17:44 13.02.2020
Tschabalala Self vor einem ihrer Werke in der Ausstellung „Beyond the Black Atlantic“ im Kunstverein. Quelle: Moritz Frankenberg
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Hannover

Die Welt, sie ist wie ein gordischer Knoten. An manchen Stellen in zwangsjackenhafter Festigkeit starr zusammengehalten, an anderen wiederum von federballartiger oder auch nur fadenscheiniger Leichtigkeit. Und dazwischen sind immer wieder mürb-brüchige Stellen. Ganz zu entwirren ist dieser hybride Weltenknoten nicht. Das Zerschlagen ist allerdings auch keine Lösung. Also bleibt nur, sich einzelne Segmente vorzunehmen.

Strang aus dem Gordischen Knoten

Einen besonderen Strang aus dem gordischen Knäuel hat sich jetzt der Kunstverein Hannover ausgesucht – und die Stelle auch gleich geografisch markiert: Es ist der „Black Atlantic“. Entdeckt hat ihn Anfang der Neunzigerjahre der britische Soziologe Paul Gilroy. Sein Buch löste kontroverse Diskussionen aus, die bis heute andauern und die mit dieser Ausstellung jetzt auch sichtbar in Hannover angekommen sind.

Die Londoner Tate Gallery hat den Begriff „Black Atlantic“ längst schon in ihr Register der künstlerischen Stilbegriffe aufgenommen. Das allerdings findet Sergey Harutoonian, der Ausstellungskurator im Kunstverein Hannover, geradezu unverzeihlich dumm, weil verharmlosend. Für ihn ist es weiterhin nur ein streng soziologischer Begriff, der die unterschiedlichen und immer auch gegenseitigen kulturellen Einflüsse der afrikanischen, amerikanischen, britischen und karibischen Kulturen beschreibt. Und damit auch die hybride Struktur unserer Gesellschaft erklärt. Zwischen westlichem Eurozentrismus und dem sich weiter ausdifferenzierenden „Schwarzen Bewusstsein“. Eine Formulierung, die aus dem Glossar diskriminierungssensibler Sprache stammt und keine ethnische Gruppierung meint, sondern allgemein Rassismuserfahrung, Erfahrung von Ausgrenzung.

Kritische Haltung, erzählerische Vielfalt

Dem Kurator reichen in Hannover vier jüngere künstlerische Positionen, um dieses komplexe Thema in einer Ausstellung unter dem Label „Beyond the Black Atlantic“, also „Jenseits des schwarzen Atlantik“ zu beleuchten. Sie alle verbindet dabei eine grundsätzlich kritische Haltung und eine erzählerische Vielfalt, die über Metaphern oder visuelle Geschichten gesellschaftliche Fehlstellen sinnlich analysiert.

Inseln aus alten Fernsehgeräten: Arbeit von Paul Nazareth in der Ausstellung „Beyond the Black Atlantic“. Quelle: Moritz Frankenberg

Mit Grenzen, sichtbaren und unsichtbaren, setzt sich besonders plakativ der Brasilianer Paul Nazareth im imposanten Oberlichtsaal des Kunstvereins auseinander. Er hat dort, auf von Europaletten gebildeten Inseln, 34 Röhrenmonitore platziert. Videos zeigen Flaggen, die er während seiner zweijährigen Wanderung von Belo Horizonte (Brasilien) nach New York City (USA) filmte. Von zerrissen bis stolz wehend, von nicht mehr erkennbar bis offensichtlich ist alles dabei. Diese etablierten Markierungen von Besitzanspruch deutet er um, bei ihm sind Flaggen lächerliche Überbleibsel eines fehlgeschlagenen Nation-Branding. In einer weiteren gefilmten Performance geht es ihm um brasilianische Psychiatrieopfer. Viele stammten aus Afrika, eine angemessene Bestattung haben sie allein deswegen schon nicht erhalten. Ihre Schädel legt Nazareth Schicht für Schicht über seinen Kopf, bis sie ihn übermächtig verdecken.

Kunst als Gedächtnisspeicher

Kemang Wa Lehulere: Das Datum 11. August 1976 in Gebärdensprache. Quelle: Kemang Wa Lehulere

Auch der Südafrikaner Kemang Wa Lehulere präsentiert seine Kunst als kritischen Gedächtnisspeicher. Die große Wandgravur „Gladiolus“ ist dafür beispielhaft. Sie zeigt in Gebärdensprache das Datum des 11. August 1976. Ein blutiger Tag, an dem es darum ging, von den Weißen nicht mehr länger von Bildung ausgeschlossen zu werden. Die Demonstration wurde niedergeschlagen – und vergessen. Bis Lehulere sie wieder sichtbar machte und in Gebärdensprache zugleich verrätselte.

Veränderung von Identitäten

Das Werk der im Kongo geborene Sandra Mujinga – sie ist in Norwegen aufgewachsen und pendelt aktuell zwischen Berlin und Oslo – kreist intensiv um das Thema Identität, um Kleidung und Verkleidung, um Transparenz und Verstecken. Helles Neongrün überstrahlt ihre Werke im Kunstverein. Es ist ein Grün, das an das Screen Green bei Bildaufnahmen erinnern soll. Dadurch wird es möglich, problemlos die Hintergründe eines Bildes auszutauschen, Kontexte zu verändern, ohne dass der Betrachter den Schummel bemerkt. Auch eine Form, Identitäten zu verändern. Und auch bei Tschabalala Self sind Identitätsfragen Motor der Kunstproduktion. Weiblichkeit bis zum Klischee schwelgt in einem der großen Kunstvereinsräume, aus Acryl oder aus Stoffen collagiert.

In den kommenden Wochen werden die einzelnen mal mehrfädigen, mal einfach gesponnenen Inhaltsfäden der ausgestellten Werke von einer Reihe von Diskussionsveranstaltungen begleitet, die zusammen mit einer Sommerakademie der Leibniz-Akademie in den Räumen des Kunstvereins stattfinden. Auf der Suche danach, den Black Atlantic noch besser vermessen zu können. Die Ausstellung ist dazu ein schöner Einstieg.

  • „Beyond the Black Atlantic“, bis zum 26. April im Kunstverein Hannover.

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