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Region Emil Nolde neu kommentiert in Berlin
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01:15 18.04.2019
Aufmerksamkeit für „Der Brecher“. Ein Mann fotografiert in der Ausstellung im Museum für Gegenwart in Berlin. Quelle: Markus Schreiber / AP
Berlin

Der Titel klingt etwas trocken, etwas sperrig. „Emil Nolde – eine Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus“. Trocken ist auch die Ausstellungspräsentation im Hamburger Bahnhof, Museum für Gegenwart in Berlin. Schlichte Holzrahmen, zurückhaltende Lichtsetzung. Dazwischen die prächtigen, die intensiven Farben von Emil Nolde, die knallig bunten Aquarelle, die expressionistischen Drucke. Und eine Menge Text.

Kommentar

Nolde war ein Nazi. Das ist nicht neu, aber besser belegt als bisher. Und nun? Sollen Museen seine Werke mit Warnhinweisen versehen? Angela Merkel hat zwei seiner Bilder aus dem Bundeskanzleramt entfernen lassen; sollen Noldes auch anderswo abgehängt werden? Oder kann man den Menschen Nolde einfach vom Maler Nolde trennen? Und den Maler weiterhin verehren, als ob nichts geschehen sei?

Geht das? Ist das nicht wie einen großen Wein aus einer Plastikflasche zu trinken? Es sträubt sich etwas in einem, einen Künstler zu verehren, der ein glühender Antisemit war. Es ist schwer, nur die Kunst zu sehen. Denn die Kunst steht ja in Wirklichkeit nie allein. Uns interessieren immer auch die Umstände, unter denen ein großes Werk entstanden ist. Wir können die Schöpfung gar nicht vom Schöpfer trennen.

Andererseits: Welche Kunst hätten wir, wenn alle Künstler ein vorbildliches Leben (gerade auch bei der Betrachtung durch die nachfolgenden Generationen) führen müssten? Kunst von solchen Männern schon mal nicht: Caravaggio, Benvenuto Cellini, Richard Wagner, François Villon, Paul Verlaine, Jean Genet, Woody Allen, Roman Polanski, James Levine, Karl May, Kevin Spacey, Pablo Picasso, Paul Gauguin, Alexej Jawlensky, Lewis Carroll oder Hans Fallada. Vielleicht wären wir ohne ihre Werke nicht die, die wir sind.

Wahrscheinlich müssen wir es aushalten, dass es unter Künstlern genauso viele unangenehme Gestalten gibt, wie unter dem Rest der Bevölkerung. Ach: vielleicht sogar noch mehr.

Es ist merkwürdig, aber der Umstand, das Werk vom Menschen trennen zu können, wäre wohl ein Akt besonderer Zivilisiertheit. Es geht also darum, den Wein aus Plastikflasche zu trinken – und ihn zu genießen.

Dass Emil Nolde im Nationalsozialismus eine Rolle gespielt hat, und nicht nur eine Opferrolle, ist nicht neu. Doch die Masse der Details, die Wucht der Begleittexte ist neu. Entwickelt wurden diese Texte basierend auf einem Forschungsprojekt, das sich seit 2013 mit Zugang zum vollständigen Archiv Noldes mit seiner Rolle im Nationalsozialismus beschäftigt. Keine Hängung bleibt unkommentiert. „Wir haben viel zu lange das Opfer Nolde gefeiert“, sagt Christian Ring, Direktor der Seebüller Nolde-Stiftung.

Das lag nicht nur am Roman „Deutschstunde“ (1967) von Siegfried Lenz, der Nolde als Maler mit Berufsverbot, als Kämpfer gegen das Nazi-Regime feierte. Der expressionistische Maler hat mit seiner eigenen Inszenierung zu diesem Narrativ beigesteuert. Er sah sich als Genie, als erster guter Maler seit Rembrandt. Schon 1910, als er den Präsidenten der Berliner Künstlervereinigung, Max Pechstein, beleidigte und daraufhin ausgeschlossen wurde, stilisierte er sich als Märtyrer. Diese Heldeninszenierung behielt er bis zu seinem Tod 1956 bei.

Im Nationalsozialismus war Nolde nicht nur ein Mitläufer. Er war ein überzeugter Nazi. 1933 arbeitete er einen Lösungsvorschlag für die „Judenfrage“ aus, die er Adolf Hitler persönlich zuschickte. Der Maler war bestens vernetzt mit der nationalsozialistischen Elite. Er war Ehrengast von Heinrich Himmler bei den Feierlichkeiten zum zehnten Jahrestag des Hitler-Putsches am 9. November 1933, wie ein Ausstellungstext informiert.

Noch 1935, mitten im Tauziehen um den Expressionismus als linientreue Kunst, kauft der Museumsverein Folkwang in Essen 455 Druckgrafiken von Nolde. Seine enge Bande mit der Nazi-Elite schützte ihn aber nicht vor Verfolgung. Als später expressionistische Kunstwerke aus den Museen beschlagnahmt wurden, war Nolde wiederum einer der am stärksten betroffenen Künstler – unter anderem aufgrund dieses Ankaufs. Er biederte sich den Nazis an, hoffte auch nach seinem Berufsverbot 1941 darauf, doch noch als exemplarisch-deutscher Künstler anerkannt zu werden. Wie konnte das nach 1945 einfach spontan vergessen werden?

Nolde fing schon in den 1920er-Jahren mit der Arbeit an autobiografischen Texten an, er war schon ein gestandener Maler, und sortierte sorgfältig aus. Von seinem „Lösungsvorschlag“ befinde sich nur ein Echo in der Biografie, so Ausstellungskurator Bernhard Fulda. Die Geschichte des Märtyrers, der sich gegen alle möglichen Systeme auflehnt, wäre dann dahin gewesen. Auch den politischen Teil seiner losen Blätter, auf denen er seine tagebuchartigen Notizen schrieb, vernichtete er weitestgehend nach 1945.

Ebenfalls die Nachlassverwaltung, die Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde, hielt nach seinem Tod die Hand schützend über sein Image: Die Dokumente im Archiv wurden erst vollständig 2013 zur Recherche zugänglich gemacht. Es war der damals neue Direktor Ring, der ein Aufarbeiten versprach.

Und das Umdenken kam dann auch – als Symbol könnte das Bild „Der Brecher“ dienen, in der Ausstellung ist es kurz vor Schluss platziert. Aus der Welle fällt die weiße Schaumkrone hinab ins düster-dunkle Meer. Es hing vor ein paar Tagen noch in Angela Merkels Arbeitszimmer. Helmut Schmidt, Nolde-Verehrer, -Promoter und ehemaliger Bundeskanzler, hat es einst ausgewählt.

Merkel will das Bild nicht zurückhaben, sie hält ihre Arbeitszimmerwände jetzt lieber weiß. Während es früher Nolde, das Opfer, hieß, titelte nun die „Süddeutsche Zeitung“: „Nolde, der Nazi“. „Da muss Nolde jetzt durch“, sagt Ring. Politik, Kunstwelt und Historiker debattieren also um den Umgang mit dem Maler: abhängen? Rüber in die Nazi-Kunst-Abteilung? Nur mit Begleittext ausstellen? Erst recht aufhängen, weil die bunte Kunst doch nichts mit seiner Haltung zu tun hat? Noldes ambivalente Position in der deutschen Geschichte ist schwer einzusortieren.

Denn es ist nicht nur Nolde, der im Glanz des Monsters Nationalsozialismus tanzte, es sind auch seine Bewunderer. „Ein Teil der Geschichte von Nolde wurde einfach ausgeblendet“, sagt der Kurator Fulda. Wenn Nolde seine Heldenerzählung steuerte und befeuerte, hat die Öffentlichkeit sie nur zu gern glauben wollen. „Jetzt kann keiner mehr sagen, er habe es nicht gewusst“, so Christian Ring. Doch was auch immer gewusst wird: Auf dem Kunstmarkt funktioniert der Name Nolde auch jetzt noch prächtig. Auf der Messe Art Cologne, die derzeit in Köln läuft, erzielen Bilder von Nolde noch immer Spitzenpreise.

Emil Nolde - Eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus“, Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin, bis 15. September.

Von Geraldine Oetken

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