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Region Adrenalin für die Augen: Kunstverein Hannover zeigt Skulpturen von Koenraad Dedobbeleer
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Ausstellung: Koenraad Dedobbeleer im Kunstverein Hannover: Adrenalin für die Augen

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20:46 28.11.2019
Mund auf, die Mandeln sind fertig: Objekt von Koenraad Dedobbeleer im Kunstverein. Quelle: Clemens Heidrich
Hannover

Koenraad Dedobbeleer, der Künstler mit den vielen Doppelbuchstaben im Namen, wurde 1975 im belgischen Halle geboren. Dort machte er schon früh Bekanntschaft mit der Kunst. Gleich neben dem Spielplatz, den er als Kind besucht hat, hatte man eine der in jener Zeit populären Röhrenskulpturen aufgestellt, auf denen der kleine Koenraad lieber herumtobte als auf den für die Kinder seines Alters vorgesehenen Geräten. Sehr zum Leidwesen des Aufsichtspersonals, das ihn dort immer wieder herunterholen musste.

Den Traum einer Skulptur, die man nicht nur anschauen, sondern an der man sich auch sportlich ertüchtigen kann, hat er sich vor drei Jahren mit „Faux Blonde“ (2016) erfüllt. Die oder der „Falsche Blonde“ (Titel sind bei Dedobbeleer ein eigenes Genre), eine Skulptur aus farbigen Stahlröhren, ist mit Ringen und Haltegriffen versehen, die sich zum Gebrauch für Leibesübungen durchaus eignen würden. Sie ist in einer großen, sehr sehenswerten Übersichtsausstellung Dedobbeleers im Kunstverein Hannover zu betrachten, die zuvor bereits in Wiels und Winterthur gastierte.

Quelle: Clemens Heidrich

Alles geht mit allem

Allerdings steht zu befürchten, dass man eine solche Zweckentfremdung des Werks auch an diesem Ort nicht gerne sehen würde. Berühren soll man die Skulpturen nicht, aber man kann sich durchaus von ihnen berühren lassen. Die Besucher können nur staunen über die vielen Materialallianzen und Kunstanspielungen, mit denen der Künstler sie überrascht. In Dedobbeleers Kunst geht es oft um die Egalisierung und Demokratisierung heterogenster Stoffe und Elemente: Alles geht mit allem.

Tische werden zu Skulpturen

Adventlich: Ein (Ruck-)Sack voller Nüsse: „Ablaut“ von 2016. Quelle: Kunstverein

In einem furiosen Auftakt zeigt der Künstler im Eingangsbereich seiner Schau eindrucksvolle Möbelskulpturen, deren Sockel er aus Tischen des Kunstvereins gefertigt hat. Sie beherbergen Dutzenden von Kunstbüchern und eignen sich auch als Lesetische. Blättert man durch die Werke, stellt man fest, dass es von ihnen allen variierende Doubletten und Mehrfachausgaben gibt.

Überhaupt Originalität. Sie besteht in der Kunst von Koenraad Dedobbeleer darin, wie er Gefundenes und Geklautes, Fremdes und Eigenes, Wertvolles und Wertloses in hübsche und höchste Übereinstimmung bringt. Und dabei den Betrachter immer aufs Neue verblüfft! So, wenn sich auf einer runden Tischplatte in neobarocker Manier allerhand disparate Assemblagen versammeln. In ihrer Mitte erhebt sich eine schlanke Stahlstange, an deren Ende ein ordinärer Handfeger imponierend wie eine abstrakte Wächterfigur oder ein ominöser Signalgeber in den Raum schaut.

Maul voller Mandeln

Eine Eisenkugel als Inkunabel minimalistischer Kunst zeigt große Augen und ein aufgerissenes Maul voller Mandeln, eine an Robert Morris erinnernde Stoffplastik steckt wie ein Beuteltier voller Wallnüsse und eine schlichte Schale voller Obst à la Mario Merz krönt einen Sockel, der als die eigentliche Skulptur zu gelten hat. Dabei geht es nur vordergründig um Essbares.

Das Salz in der schmackhaften Kunstsuppe Dedobbeleers sind Paradoxien und Verkehrungen. Wenn er etwa einem Gipsmodell der Göttin Diana die Nase der eigenen Frau gibt, und dies nur der Anfang eines längeren Projektes ist. Am Ende soll sie ihr ganzes Gesicht haben – eine augenzwinkernde Ablösung von Idealität durch Realität.

Gegen den Kunstkanon der Zeit

 Dedobbeleer ist ein Künstler, der hervorragend zu Hannover passte. Schließlich verehrt er den Merz-Künstler Kurt Schwitters und auch Alexander Dorner, den innovativen hannoverschen Ausstellungsmacher der 1920er-Jahre. Ihm widmet er in seiner Schau eine invertierte Besucherbank. An beiden bewundert er, wie sie gegen den Kunstkanon ihrer Zeit dachten und handelten. Wobei ihn mit Schwitters auch der eulenspiegelhafte Witz und Humor seiner Werke verbindet.

Diese Skulpturen zeigen, dass Koenraad Dedobbeleer den Merz-Künstler Kurt Schwitters verehrt. Quelle: Clemens Heidrich

Mit einer seiner letzten Arbeiten kehrt Dedobbeleer zum Buch zurück. Eine Fotografie zeigt das Cover einer russischen Übersetzung von Lessings „Laokoon“-Traktat, in dem der Dichter die Überlegenheit der dramatischen Literatur gegenüber der bildenden Kunst darlegt. Erstere befeuere stärker die Einbildungskraft des Rezipienten. Gerade das aber schaffen beispielhaft auch die Werke von Koenraad Dedobbeleer. Sie sind Adrenalin für die Augen, den Geist und die Fantasie des Betrachters.

Koenraad Dedobbeleer: „Sache: Gallery of Material Culture“, bis zum 26. Januar im Kunstverein Hannover

Von Michael Stoeber

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