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Bachchor singt eine Messe mit politischem Hintergrund in der Marktkirche

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13:39 17.11.2019
Der Bachchor nach der Aufführung der „Glagolitische Messe“ in der Marktkirche. Quelle: Navid Bookani
Hannover

„Slawen aller Länder, vereinigt euch!“ So oder so ähnlich lautete die Kernbotschaft des Panslawismus, zu dessen glühenden Anhängern der mährische Komponist Leoš Janácek gehörte. Aus der ursprünglichen Idee heraus, ein slawisches Großreich zu errichten, wurden nach dem Ersten Weltkrieg Jugoslawien und die Tschechoslowakei gegründet – letztere nicht ohne den Widerstand der dort seit Generationen ansässigen Deutschböhmen und Deutschmähren. Janácek, der fließend, aber nicht gern Deutsch sprach und erst in seinem 1918 beginnenden letzten Lebensjahrzehnt Karriere als Komponist machte, setzte ein deutliches Statement, indem er – entgegen dem damaligen Usus – seine Werke konsequent mit tschechischen Texten unterlegte.

Text aus dem 9. Jahrhundert

Vor diesem Hintergrund ist auch die 1926/27 entstandene „Glagolitische Messe“ zu sehen, die der Bachchor und das Bachorchester Hannover jetzt unter der Leitung von Jörg Straube in der Marktkirche zur Aufführung brachten. Janácek hatte, obwohl er als Kind Chorknabe bei den Augustinern in Brünn gewesen war, als Erwachsener für den katholischen Ritus nur wenig übrig. Er suchte Gott eher in der Natur als in der Kirche. Gleichwohl fühlte er sich durch ein Gespräch über die unzureichende Qualität der tschechischen Kirchenmusik herausgefordert, eine Messvertonung zu schaffen. Als Textvorlage wählte er, der Panslawist, jedoch nicht den lateinischen Text, sondern die alte kirchenslawische Übersetzung, die im 9. Jahrhundert in glagolitischer Schrift notiert worden ist.

Düsteres Gloria

Und so mutet die „Glagolitische Messe“, eines der bedeutendsten Werke Janáčeks, denn auch mehr wie ein politisches Statement als wie ein religiöses Bekenntnis an. Wo sich andere Komponisten in Demut verneigen, fordert er etwas ein – etwa beim „Christe, erbarme dich“. Wo sonst die Anbetung des Unbegreiflichen hörbar wird, setzt er nüchtern Aussage neben Aussage, wie im Credo, wo das „gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater …“ kompositorisch beinahe wie ein Abzählreim anmutet. „Du allein bist heilig“ im Gloria klingt so düster, als sei mit dieser Aussage das Ende der Welt vorprogrammiert. Hier wird besonders deutlich, dass Janácek wohl nicht auf den Gott gesetzt hat, den er da besingen lässt.

Eindrückliche Akzente

Musikalisch blieben bei dieser Aufführung kaum Wünsche offen. Bachchor und Bachorchester, Letzteres mit einer Reihe von Bläsern und Schlaginstrumenten besonders vielseitig besetzt, musizierten souverän und ausdrucksstark, Ulfert Smidt setzte an der Orgel eindrückliche Akzente. Die Solopartien übernahmen Camilla Nylund (Sopran), Daniela Sindram (Alt), Robert Künzli (Tenor) und Tobias Schabel (Bass), wobei Künzlis wagnererprobter Operntenor nicht so recht zu einer Messe und auch nicht zu dem vorher aufgeführten „Vaterunser“ für Tenor, Chor, Orgel und Harfe passen wollte. Aber vermutlich wäre genau das in Janáčeks Sinne gewesen.

Jörg Straube leitet auch das Adventskonzert des Norddeutschen Figuralchors am Sonnabend, 30. November, 20 Uhr, mit den Lutherischen Messen von Bach in der Marktkirche. Am 20., 21. und 22. Dezember singt der Bachchor Bachs Weihnachtsoratorium und Weihnachtskantaten in der Marktkirche.

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